Dienstag, 18. Februar 2014

Über die biologistische Begründung der Homophobie



Ich habe vor kurzem Matthias Matusseks Bekenntnis zur Homophobie gelesen. Als ob es nicht schon genug wäre, dass sich bestimmte Personen inzwischen öffentlich zu ihren dümmlichen Ressentiments und ihrer Ignoranz gegenüber Homosexuellen bekennen als wäre es das Normalste auf der Welt. Richtig bedenklich wird es erst bei der Begründung. Matusseks naturrechtliches Argument, ganz auf katholischer Linie, lautet, dass aus einer homosexuellen Beziehung keine Kinder entstehen können und deswegen müsse homosexuelle Liebe minderwertig sein. Bedenklich ist daran das biologistische Verständnis von Liebe, wonach eben nur aus heterosexuellen Beziehungen Kinder hervorgehen können. Sicherlich kann man nicht bestreiten, dass es biologisch unmöglich ist durch homosexuellen Geschlechtsverkehr Kinder zu zeugen. Trotzdem bleibt die daraus abgeleitete Minderwertigkeit äußert fragwürdig.

Es gibt genug empirische Belege, dass die sexuelle Orientierung nichts mit der Zeugung von Kindern zu tun hat. So gibt es genug heterosexuelle Paare, die beweisen, dass Heterosexualität nicht zwangsläufig mit der Zeugung eines Kindes verbunden ist. Ist deren Liebe, dann auch minderwertig? Desweiteren gibt es auch genug heterosexuelle Paare, die zeigen, dass die Zeugung eines Kindes nicht unbedingt etwas mit Liebe zu tun haben muss. Wäre dann sogar das gezeugte Kind minderwertig? Fragen über Fragen, die, wenn man sich ernsthaft darauf einlassen würde, im Ergebnis immer die Unterscheidung von höherwertigen und minderwertigen Menschen zur Folge hätte. Man bringt sich durch diese Verbindung von Liebe und der Zeugung eines Kindes also in heikle, ethische Grenzbereiche.

Ich begreife im Anschluss an Niklas Luhmann Liebe als ein soziales Phänomen, dass eine spezifische kommunikative Beziehung zwischen Menschen beschreibt (vgl. 1982). Die Partner rechnen wechselseitig in ihre Handlungen die Sichtweise des Partners mit ein. Mit anderen Worten, die Grenzen der eigenen Handlungsmöglichkeiten werden durch die Vorlieben und Abneigungen des Partners gesetzt. Bis zu einem gewissen Grad muss man bei jeder Interaktion Rücksicht auf den Interaktionspartner nehmen. Die Besonderheit der modernen romantischen Liebe besteht darin, dass man nicht nur auf allgemeine Umgangsformen achten muss, damit man den Interaktionspartner nicht in Verlegenheit bringt, sondern dass man sich soweit auf die Besonderheiten und Eigenarten des Partners, für die er nicht mehr von jedem Anerkennung erwarten kann, einlässt. Bei der romantischen Liebe geht es um die Akzeptanz des höchstpersönlichen Erlebens und Handelns des Partners ohne Rücksicht auf Ansehensgewinne oder –verluste bei dritten Personen. Dieses Verständnis von Liebe ist weder vom Geschlecht noch von der Zeugung eines Kindes abhängig. Es ist also auch nicht möglich einen Unterschied in der Wertigkeit einer bestimmten Liebe zu machen.

Der von Matussek behauptete Unterschied zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe entsteht erst durch die Reduktion auf den biologischen Vorgang der Zeugung. Einfacher ausgedrückt, setzt er Liebe und Sex gleich und reduziert die Familie damit auf die Funktion einer Reproduktionseinheit für eine wie auch immer geartete biologische Schicksalsgemeinschaft. Dann kann es aber eigentlich auch egal sein, ob Liebe im Spiel ist. Hautsache es kommen am Ende Kinder dabei heraus. Paradoxerweise zeigen gerade homosexuelle Paare, dass es diese Verbindung von Liebe und der sexuellen Reproduktion nicht gibt, sondern dass Liebe das soziale Phänomen im oben beschrieben Sinne ist, das von der Befriedigung sexueller Bedürfnisse oder gar der Zeugung eines Kindes scharf getrennt werden muss. Idealerweise fallen die Befriedigung sexueller und seelischer Bedürfnisse in einer Liebesbeziehung zusammen. Aber das hat noch nicht zwangläufig etwas mit der Zeugung von Kindern zu tun. Der behauptete Zusammenhang zwischen Liebe und der Zeugung von Kindern ist also faktisch nicht existent.

Wenn es diesen Zusammenhang nicht gibt, welche Funktion hat dann diese naturrechtliche Argumentation in der modernen Gesellschaft? Ein Vorteil dieser Argumentationslinie ist relativ leicht zu erkennen. Die biologische Tatsache der Unmöglichkeit durch gleichgeschlechtlichen Sex Kinder zu zeugen, erweckt den Anschein einer wissenschaftlichen Begründung, der man nicht widersprechen kann. Gleichwohl bleibt der Schluss auf die Wertigkeit der Liebe unbegründet. Trotzdem halten schlichte Gemüter diesen Kurzschluss von einer biologischen Unmöglichkeit auf die Wertigkeit von Liebe für gleichsam naturwissenschaftlich gerechtfertigt. Wenn es diesen Zusammenhang aber nicht gibt, handelt es sich bei dieser naturrechtlichen Argumentation um einen ziemlich perfiden Versuch über ein scheinbar natürliches Ideal von Liebe die Wertigkeit einer Beziehung und damit auch die Menschen herabzusetzen. Sehr originell ist das nicht, denn Homosexuelle mussten schon immer als Symptome eines imaginierten Gemeinschaftsverfalls herhalten. Man bekommt den Eindruck, dass die unhaltbare, naturrechtliche Argumentation letztlich nur noch als Feigenblatt dient, damit das privat gepflegte Ressentiment gegen Homosexuelle und die imaginierte Höherwertigkeit heterosexueller Liebe nicht vollständig als persönliche Befindlichkeit beobachtbar wird.

Legt man das hier vertretende Verständnis von Liebe zu Grunde zeigt sich, dass man für die Anerkennung von Homosexualität als normales Merkmal einer Person offenbar nicht mal moralisch argumentieren muss. Die Frage nach Toleranz oder Anerkennung von Schwulen und Lesben (vgl. http://goo.gl/CiU8Gl) ist sicherlich auch nicht unerheblich. Gegenüber der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Liebe und der Zeugung von Kindern ist sie aber nachrangig, denn es gibt genug Argumente in der Sache, die zeigen, dass es einen solchen Zusammenhang nicht gibt. Dem entsprechend kann es auch keine Unterschiede in der Wertigkeit einer bestimmten Liebe geben. Wer es trotzdem versucht, zeigt, dass er von Liebe oder Sex oder von beidem keine Ahnung hat. Auch wer diese Diskussion um Homophobie für verkappte Familienpolitik hält (vgl. http://goo.gl/hVXjDR), ist der naturrechtlichen bzw. biologistischen Argumentation bereits auf den Leim gegangen. Denn er akzeptiert die Annahme, dass die Familie lediglich die Reproduktionseinheit einer Gemeinschaft ist, die auf irgendeine Art ihre Mitglieder über biologische Kriterien bestimmt. Nur dann transformiert sich die Reproduktionsfrage in eine moralische nach der Anerkennung und Wertigkeit von Menschen. Es sollte nachdenklich machen, dass bisher niemand auf dieses Problem hingewiesen hat. Offenbar gibt es selbst unter den feuilletonistischen Meinungsführern noch eine Menge, die diese naturrechtliche Sichtweise auf die Familie teilen.

Mit dieser behaupteten Verbindung von Liebe und der Zeugung von Kindern wird versucht die eigene, gefühlte Höherwertigkeit durch die Abwertung von anderen Personen und deren Beziehung zueinander zu behaupten. Leider hat diese Form, sein (mangelndes) Selbstwertgefühl über die Abwertung von anderen aufzuwerten, in Deutschland eine sehr lange Tradition. Das Bedürfnis die Identität der eigenen Person über zugeschriebene, unveränderliche, gleichsam naturgegebene Merkmale zu bestimmen, kann in vielen Kulturen beobachtet werden, was dann mit einer biologistischen Gemeinschaftsideologie gedeckelt wird, um dieses Minderwertigkeitsgefühl für politische Zwecke wirksam nach innen und außen kanalisieren zu können. Bedenklich ist, dass solche Argumentationsmuster selbst heute noch im angeblich so geschichtsbewussten Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen. Offenbar konnte selbst die Erfahrung des Nationalsozialismus diese unsägliche Tradition nicht brechen. Nach wie vor erliegen nicht wenige Personen der Versuchung ihre vermeintlich universellen und unveränderlichen Werte auf einem scheinbar feststehenden, biologischen Fundament zu gründen*. Dies birgt jedoch das nicht unbeträchtliche Risiko das eigene Wertefundament zu untergraben. Und so reduzieren ausgerechnet Naturrechtler Liebe auf Sex zu Reproduktionszwecken und eliminieren damit die geistige Komponente, die damit ursprünglich mal betont werden sollte.

Solche Selbstbehauptungsversuche sind heute in der modernen Gesellschaft allerdings nur noch das Relikt aus einer anderen, vormodernen Zeit. Heute zählt, wie man handelt, und nicht, wie man sich selbst erlebt. Gerade wenn man sich auf das Verhalten von Personen konzentriert, sieht man, dass weder die biologische oder geographische Herkunft noch das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung irgendwas darüber aussagen, wer man als Person ist. Trotzdem steht zu befürchten, dass die Diskussion über Homophobie, ähnlich wie die letztjährige Diskussion über Sexismus, noch einige semantische Antiquitäten an die massenmediale Oberfläche spülen wird und uns noch einige peinlich berührende Déjà-Vu-Erlebnisse bescheren könnten. Es sollte allerdings betont werden, dass es nicht darum gehen kann unliebsame Ansichten zu unterdrücken. Vielmehr ist es gut zu wissen, woran man ist, damit man wirksam dagegenhalten kann. Ich hoffe, ich konnte zeigen, wie einfach das ist.

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Matussek hat nun noch einmal bei The European nachgelegt und bringt seine biologistische Argumentation nun gegen den linken Gender-Wahnsinn in Stellung. So berechtigt die Kritik daran auch ist, so falsch wäre es sich deswegen auf die Seite von Matussek zu schlagen. Rechter Biologismus und linker Rationalismus sind zwei gegensätzliche Standpunkte, die sich gegenseitig bedingen. Sie sind zwei Gegner, die auf einander angewiesen sind und nur durch den inszenierten Konflikt ihr Publikum faszinieren können. Um diese Faszination erleben zu können, ist es allerdings notwendig, dass man sich für einen der beiden Standpunkte entscheidet. Und so versucht Matussek im Verlauf des Artikels die Aufmerksamkeit von seiner Homosexuellenfeindlichkeit weg hin auf die Heterosexuellenfeindlichkeit von linken Gender-Theoretikern zu lenken. Teilt man weder den einen noch den anderen Standpunkt, sieht man allerdings dass es sich bei diesen beiden Varianten um Alternativen handelt, die keine Alternativen sind. Bereits Luhmann wies darauf hin, dass das rechts/links-Schema heute keine verlässliche Orientierung für die Beobachtung politischer Prozesse mehr geben kann (vgl. 2005 [1974]). Ich teile Luhmanns Sicht.

Der Grund dafür ist einfach. Egal wie man versucht Menschen mit universellen, unveränderlichen Attributen zu versehen, um daraus die Notwendigkeit für Solidarität abzuleiten, es handelt sich bei der rechten und der linken Argumentationslinie um vormoderne Semantiken, die durch ihre zwanghafte Fixierungen auf ihren vermeintlichen Gegner davon ablenken, dass sie beide Abwehrreflexe gegen die moderne Gesellschaft sind, in der Menschen nicht mehr mit zugeschrieben Merkmalen, sondern mit erreichten Merkmalen beobachtet werden. Vormoderne Perspektiven beharren auf der Unveränderbarkeit der Menschen, moderne Perspektiven glauben dagegen an die Veränderbarkeit der Menschen. 

Bis heute tobt ein Streit darüber, ob Homosexualität angeboren und unveränderbar oder erworben und veränderbar ist. Aus moderner Perspektive muss Homosexualität zumindest als ein unveränderbares Merkmal betrachtet werden. Denn nur dann ist es möglich, dass jemand sozial nicht nur als schwul oder lesbisch in Erscheinung tritt, sondern als Person. Dann ist Homosexualität nur ein Merkmal von vielen, das die Person beschreibt, und sie ist ein Merkmal mit dem sich keine Vorurteile über das Verhalten der Personen aufrecht erhalten lassen, weil diese Vorurteile ständig durch das Verhalten widerlegt werden können. Interessanterweise pochen gerade vormoderne Sichtweisen darauf, dass Homosexualität ein veränderliches Merkmal ist, denn ansonsten könnte man kaum annehmen, dass Homosexualität therapierbar wäre. Mithin gibt man Homosexuellen die Möglichkeit wieder in die Gemeinschaft zurückzukehren, wenn man nur von dieser Abweichung abschwört und den Mangel als Mangel anerkennt. Die Eintrittskarte ist also die Demütigung sich für die Gemeinschaft selbst zu verleugnen. Wer will heute noch Mitglied in einer Gemeinschaft sein, die es zur Bedingung macht, dass sich die Mitglieder in ihrem Selbst-Erleben verleugnen müssen, um weiter Mitglied sein zu dürfen?



* Es muss ergänzt werden, dass es sich bei dieser Argumentationslinie, um die Variante handelt, die üblicherweise als rechts bezeichnet wird. Das ist allerdings nicht der einzige Weg universelle und unveränderliche Werte zu konstruieren. Der andere Weg läuft über die reine, körperlose Vernunft. Das verbindende, Solidarität stiftende Element zwischen den Menschen ist hier nicht die biologische Abstammung, sondern ihre verstandesmäßige Begabung, die allen Menschen gegeben ist. Statt auf eine biologische Schicksalsgemeinschaft wird dann auf eine universelle Vernunftgemeinschaft rekurriert. Diese Argumentationslinie wird üblicherweise als links bezeichnet. Einschlägig dazu bis heute Plessner 2001 [1926]. 





Literatur 
Luhmann, Niklas (1982): Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. Sonderausgabe zum 30jährigen Bestehen der stw-Reihe
Luhmann, Niklas (2005 [1974]): Der politische Code: „Konservativ“ und „progressiv“ in systemtheoretischer Sicht. In: ders.: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. 4. Auflage Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden, S. 306 - 328 
Plessner, Helmuth (2001 [1926]): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

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