Samstag, 1. Oktober 2016

Der soziale Abstieg der deutschen Sozialwissenschaften. Eine Provokation


Wie er meinem Lebenslauf entnehmen könne, sei ich bereits vollständig in das akademische Leben eingegliedert, werbe immer wieder erfolgreich Forschungsgelder ein, habe lange an verschiedenen Hochschulen unterrichtet, publiziere regelmäßig, halte international Vorträge, arbeite an einem Buch, organisiere aktuell eine internationale Konferenz. Nur eben immer wieder ohne einen Cent Gehalt. 


Die Sozial- und Geisteswissenschaften in Deutschland stecken nicht erst seit gestern in der Krise. Sie siechen schon seit vielen Jahren in der gesellschaftlichen Irrelevanz vor sich hin. Dies betrifft Theorieentwicklung und Forschungspraxis, die es kaum noch vermögen eine nennenswerte Außenwirkung zu erzielen. Für eine Wissenschaft, die die Expertise für zwischenmenschliche Beziehungen für sich an Anspruch nimmt, ist das ziemlich merkwürdig, dass sie den Menschen nicht mal mehr erklären kann, warum man sie überhaupt noch braucht. Nicht dass sie überflüssig wäre. Aber auch das vermeintlich Notwendige sollte begründet werden, um akzeptiert zu werden. Nichts ist mehr gott- oder naturgegeben, nichts ist mehr selbstverständlich. Das wird gerade von Sozial- und Geisteswissenschaftlern immer wieder betont. Leider wird das sofort vergessen, sobald es um sie selbst geht. Viele von ihnen halten ihr Fach für eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Wer jedoch nicht um Akzeptanz wirbt, darf auch keine erwarten. Wer es unterlässt, seine Behauptungen zu begründen, weiß es entweder nicht besser oder hat etwas zu verbergen. Manchmal fällt auch beides zusammen. Dass es unterlassen wird, stärker für die öffentliche Aufmerksamkeit und Akzeptanz der Sozial- und Geisteswissenschaften zu werben, liegt möglicherweise daran, dass man verbergen muss, dass man nicht weiß, wie das geht.

Trotz dieses Legitimationsproblems wird an den deutschen Universitäten eine relativ hohe Zahl an Sozial- und Geisteswissenschaftlern ausgebildet. Nur ein Bruchteil wird aufgrund der wenigen Stellen seine Karriere in Forschung und Lehre fortsetzen können. Wo der große Rest auf dem Arbeitsmarkt unterkommen soll, interessiert niemanden. Im Lehr- und Forschungsbetrieb wird diese Frage so gut wie nicht gestellt. Da wird höchstens mal auf die allgemein niedrige Arbeitslosenquote unter Akademikern verwiesen. Demnach braucht man sich also keine Sorgen machen. Darüber hinaus beruhigen sich nicht wenige mit der Erwartung, dass die Sozial- und Geisteswissenschaften nur noch den Nachwuchs für den deutschen Staatsbetrieb »Universität« ausbilden sollen. Viele Studenten und akademische Mitarbeiter halten das schon für ein ungeschriebenes Naturgesetz. Auch wenn dem nicht so ist, sind die Karriereerwartungen derzeit sehr eindimensional ausgerichtet. Im Anbetracht der wenigen Stellen im Universitätsbetrieb bietet das eigentlich genug Anlass zur Sorge.

Politisch gewollt wird ein Überangebot an mehr oder weniger gut qualifizierten Arbeitskräften geschaffen. Im Sinne der Erhöhung des Bildungsniveaus und Angleichung der Partizipationschancen mag man das zunächst begrüßen. Das hat jedoch auch seine Schattenseiten. Denn das Arbeitskräfteüberangebot erhöht den Konkurrenzdruck auf jeden einzelnen Absolventen. Wenn darüber hinaus alle dasselbe können, dann spielt die persönliche Leistung bei der Auswahl eines Bewerbers keine Rolle mehr, denn alle liefern dasselbe ab. Damit trotzdem eine Entscheidung für einen Bewerber getroffen werden kann, muss man sich stattdessen an sachfremden Kriterien orientieren. Gerecht ist das nicht. Chancengleichheit, bis zur letzten Konsequenz durchgespielt, führt also gar nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern erhöht sogar noch die Ungerechtigkeiten. Am Beispiel der Universität als Arbeitgeber zeigt sich diese Dialektik der Chancengleichheit derzeit sehr deutlich. Steht dem Überangebot an Arbeitskräften dann noch nicht einmal eine entsprechende Nachfrage durch offene Arbeitsstellen gegenüber, muss man kein Prophet sein und auch keine groß angelegten Untersuchungen durchführen, um zu ahnen, dass sich ein Großteil der Studenten direkt in die Arbeitslosigkeit qualifiziert. Wenn die beruflichen Perspektiven außerhalb der Wissenschaft fehlen, dann wird durch den Arbeitskräfteüberschuss das akademische Prekariat erst geschaffen, das heute so häufig beklagt wird

In letzter Zeit konnte man einige Erfahrungsberichte von Betroffenen lesen, die mit der unangenehmen Erkenntnis konfrontiert wurden, dass das, was sie im Studium und in ihrer weiteren akademischen Karriere gelernt haben, außerhalb der Universitäten und Forschungsinstitute kaum etwas wert ist. Besonders bitter ist diese Erkenntnis, wenn sie sich erst nach der Promotion einstellt, da an diesem Punkt der Karriere bereits so viel Lebenszeit und persönliches Engagement investiert wurde, dass man nicht einfach neu anfangen kann. Liest man jedoch diese Erfahrungsberichte, kann man den Eindruck gewinnen, dass vielen akademischen Mitarbeitern früher oder später trotzdem nichts anderes übrig bleiben wird.


Warum Geisteswissenschaftler außerhalb der Wissenschaft keine Arbeit finden

Dieser Erkenntnisprozess bringt viele unangenehme Wahrheiten über sich selbst ins Bewusstsein. Auf der Internet-Seite von Der Freitag konnte man zum Beispiel unter dem Titel »Was soll ich können?« ausführlich nachlesen, wie ein Sprach- und Literaturwissenschaftler versuchte sich selbst und dem geneigten Leser Zeugnis darüber abzulegen, was er alles kann – und was er alles nicht kann. Der Text beeindruckt in seiner Beredtheit und zeigt zugleich, warum der Autor so schnell wahrscheinlich keinen Job finden wird. Offenbar bleibt von einem Studium der Literaturwissenschaft die unsägliche Angewohnheit zurück, die Welt nur noch als Text zu betrachten und zu Tode zu interpretieren. Kritisches Hinterfragen ist zwar grundsätzlich nicht verkehrt. Man sollte es aber nicht so weit treiben, dass es nur noch hinderlich ist. Wenn man, wie es der Autor tut, Begriffe hinterfragt bis man nicht mehr weiß, was sie bedeuten, ist man eindeutig über das Ziel hinausgeschossen. Daraus die Legende zu stricken, dass kritisches Denken bei Arbeitgebern nicht gefragt ist, kann dann allenfalls die halbe Wahrheit sein. Im Falle des Autors wird aus einer Tugend ein Einstellungshindernis, denn in der Arbeitswelt geht es nicht um geistreiches, selbstgefälliges Palavern, sondern es müssen zum Teil harte Entscheidungen getroffen werden, von denen das Überleben der ganzen Firma bzw. die berufliche Zukunft der Belegschaft abhängt. Da kann eine überkritische Haltung auch schnell kontraproduktiv werden und wichtige Entscheidungen blockieren.

An dieser Selbstreflexion des Autors zeigt sich dann eben auch, was er nicht kann: konstruktiv, zielorientiert und im Team arbeiten. Seine Dekonstruktion der Begriffe Teamfähigkeit oder Flexibilität erweist sich lediglich als kleingeistiger Abwehrreflex gegen die Anforderungen der modernen Arbeitswelt, die der Autor anscheinend nur aus Büchern kennt. Damit gibt er ein geradezu prototypisches Beispiel eines völlig verbildeten Geisteswissenschaftlers ab, der sich sein ganzes Leben lang nur mit Büchern beschäftigt hat, die die meisten Leute in ihrer Freizeit lesen. Es ist verständlich, wenn ihm die Leselust, wie er schreibt, nun da er arbeitslos ist, immer öfters vergeht, weil ihm schmerzlich bewusst geworden ist, wohin sie ihn letztlich gebracht hat. Der Autor stilisiert sich in seinem Text zu einer tragischen Figur. Unfähig den Anforderungen der Arbeitswelt zu genügen, zieht er sich auf die protestantische Pose des »hier stehe ich und kann nicht anders« zurück, um seine Unfähigkeit, sich neuen Umständen anzupassen, zu rechtfertigen. Faktisch ist es jedoch eine intellektuelle Kapitulationserklärung. Wenigstens gibt er an einer Stelle des Textes zu, dass er seine Misere selbst verschuldet hat. So hält sich begrüßenswerter Weise das Selbstmitleid in Grenzen. Der Autor begnügt sich damit das Klischee des belesenen, aber weltfremden Wissenschaftlers zu zelebrieren. Kennt man die Anforderungen der modernen Arbeitswelt, wirkt das allerdings nur noch wie ein peinlicher Anachronismus.

In der Abgeschiedenheit universitärer Parallelwelten werden anscheinend immer noch veraltete Rollenbilder kolportiert – in diesem Fall der Bücherwurm, der sich in sein Zimmer oder in die Bibliothek verkriecht und dort ungestört vor sich hin studieren kann. Der einzige Nutznießer der Früchte seiner Arbeit ist er selbst. Diese Vorstellung pflegen jedoch nicht nur Literaturwissenschaftler. In den Sozial- und Geisteswissenschaften ist generell eine Renaissance des Scholastikers als präferiertes Tätigkeitsprofil zu beobachten. Zu diesem Tätigkeitsprofil gehört die Abgeschiedenheit. Jeder Einfluss von außen wird als Störung betrachtet. Kritische Nachfragen zur eigenen Arbeit werden nicht geduldet, weil der gesellschaftliche Nutzen für sie außer Zweifel steht. Leider ist es unter Sozial- und Geisteswissenschaftlern schon zu einem weit verbreiteten Missverständnis geworden persönliche Liebhaberei mit einer beruflichen Qualifizierung zu verwechseln. Das Risiko, sich in der Verfolgung persönlicher Interessen zu verlieren, bringt jedoch die freie Studienplatz- und Seminarwahl mit sich. Dadurch kann man sich sehr leicht am Arbeitsmarkt vorbei qualifizieren und schon wird die Universität zum letzten Strohalm für eine berufliche Zukunft, an den man sich verzweifelt klammert.

Die Einsamkeit der Schreibstube ist der vermeintliche Preis für das Opfer, was die Sozial- und Geisteswissenschaftler der Gesellschaft bringen. Zugleich gaukelt sie Freiheit, Frieden und Harmonie vor, die durch andere Personen nur gestört werden können. Der wahre Preis ist jedoch der Verlust jeglicher sozialer Kompetenzen. In der Verteidigung dieses Rollenmodells haben sich viele Sozial- und Geisteswissenschaftler in den Elfenbeinturm zurückgezogen und den Anschluss nicht nur an die moderne Arbeitswelt verpasst. Weltfremd ist dafür nicht das richtige Adjektiv. Gesellschaftsfremd wäre treffender. Dadurch sind sie nicht mehr in der Lage sich auf andere Sichtweisen einzulassen, kooperativ mit anderen zusammen zu arbeiten oder Konflikte einvernehmlich zu lösen.


Arbeitslos oder nicht – ein Unterschied, der keinen Unterschied mehr macht

Das Überangebot an sozial- und geisteswissenschaftlich gebildeten Arbeitskräften ist inzwischen so hoch, dass man selbst im akademischen Bereich kaum mehr von den erzielbaren Einkommen leben kann. In einem anderen Erfahrungsbericht mit dem Titel »Exzellente Entqualifizierung: Das neue akademische Prekariat« kann man nachlesen, wie unattraktiv die Arbeitsbedingungen im Universitätsbetrieb inzwischen sind. Das Eingangszitat stammt aus diesem Text und bringt das ganze Elend auf den Punkt [1]. Wer eine Karriere im Universitätsbetrieb anstrebt, muss seine Gehaltsvorstellungen heute extrem herunterschrauben oder sich am besten gleich ganz von ihnen verabschieden. Der Gang zum Jobcenter ist nicht nur für die zur Selbstverständlichkeit geworden, die sich im Kampf um die wenigen offenen Stellen nicht durchsetzen konnten, sondern auch für die, die es geschafft haben. Wenn der Universitätsbetrieb die einzige Karriereoption ist, macht es finanziell also letztlich keinen Unterschied mehr, ob man arbeitet oder nicht. Und die, die es geschafft haben, werden im Lehrbetrieb oder in der Drittmitteleinwerbung verheizt mit wenig Aussicht auf eine der begehrten Professoren-Stellen. Auf die eine oder andere Weise ist man abhängig von staatlichen Transferleistungen und steht spätestens mit Ende 30, Anfang 40 vor dem beruflichen Nichts.


Problembewusstsein ohne Lösungsorientierung

Wenn man diese Erfahrungsberichte liest wird eigentlich schnell klar, dass eine Arbeit im Universitätsbetrieb unter karrieretechnischen Gesichtspunkten schon längst keine Option mehr ist. Wer sich trotzdem darauf einlässt, muss sich fragen lassen, ob er noch ganz bei Trost ist. Mit Karriere meine ich dabei noch nicht mal das Erreichen einer hochrangigen und gutbezahlten Position, sondern lediglich eine Arbeitsstelle, mit der es möglich ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch so skandalös die Arbeitsbedingungen auch sind, die Betroffenen sind zumeist nicht in der Lage die einzig logische Konsequenz aus dem Dilemma zu ziehen und sich eine Arbeit außerhalb des Wissenschaftsbetriebs zu suchen. Lieber muten sie sich weiterhin die inakzeptablen Arbeitsbedingungen zu. 

Durch dieses Verhalten wird man mit einem typisch sozialwissenschaftlichen Manko konfrontiert: ein hohes Maß an Problembewusstsein, aber keinerlei Lösungsorientierung. Viele sozial- und geisteswissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit sozialen Problemen, können jedoch keinerlei Lösungen für die analysierten Probleme aufzeigen oder halten die bereits etablierten Lösungen selbst für ein Problem. Darin spiegelt sich ein Selbstverständnis von Sozial- und Geisteswissenschaftlern wider, wonach ihre Aufgabe vorwiegend darin besteht, soziale Probleme zu beschreiben. Doch Problemanalysen, die sich nur darauf konzentrieren zu beschreiben, wie dunkel der Tunnel ist, aber nicht in der Lage sind ein Licht am Ende des Tunnels aufzuzeigen, sind so hilfreich wie ein Krankenwagen ohne Räder. Nicht wenige Sozial- und Geisteswissenschaftler treten öffentlich nur noch als Mahner, Warner oder Weltuntergangspropheten in Erscheinung. Dieser Arbeitsansatz ist nun selbst zu einem Problem geworden. 

Die Lektüre solcher Studien ist vor allem eins: frustrierend. Die Klagen der Betroffenen werden lediglich in einem wissenschaftlich klingenden Jargon reformuliert. Ohne Lösungsvorschläge lassen sie den Leser trotzdem rat- und hilflos zurück. Die tatsächliche Existenz von Not und Leid wird durch ihre vermeintlich wissenschaftliche Beschreibung allenfalls bestätigt, aber noch nicht gelindert. Den Betroffenen bleibt dann nichts anderes übrig als sich mit dem Missstand abzufinden und sich darin einzurichten. Das hält jedoch viele trotzdem nicht davon ab weiter zu klagen. Es bleibt nur noch die Hoffnung, dass sich jemand anderes der Probleme annehmen wird. Viele Sozialwissenschaftler halten sich für solche Helfer, doch entpuppen sie sich aufgrund ihrer eigenen Problemfokussierung als zweifelhafte Verbündete. Mit ihren Studien stimmen sie lediglich in das Klagelied der Hilflosen mit ein. Dadurch bestärken sich beide Seiten nur in ihrer Hilflosigkeit. Gemeinsames Klagen macht aber nur die Not erträglicher. Weil sie jedoch nicht gelindert wird, hoffen die Klagenden gemeinsam auf die Politik. Viele solcher Studien haben daher nur die Funktion öffentlichen Druck auf Politiker auszuüben. 

Wenn Sozialwissenschaftler ihre eigene Situation reflektieren, ist das offensichtlich nicht anders. In ihrer Problemfokussierung und der daraus resultierenden Hilflosigkeit sind viele von ihnen gezwungen sich zähneknirschend mit der Situation zu arrangieren. Die Identifikation mit den Hilflosen hat sie selbst hilflos gemacht. Das führt schleichend zu einer Angleichung ihrer sozio-ökonomischen Position an die von denjenigen, denen sie zu helfen versuchen. Diese ideelle Krise der Sozial- und Geisteswissenschaften wirkt sich deswegen schließlich als handfeste finanzielle Krise auf die Lebenssituation jedes einzelnen ausgebildeten Sozial- oder Geisteswissenschaftlers aus. Auch in diesem Fall wird als einzige Lösung die Anrufung der Politik gesehen.


Geisteswissenschaften als Staatsaufgabe?

Erst seit die Gewerbefreiheit der Anwendung des neuen Wissens freie Bahn verschaffte, erst seit alles ausprobiert werden konnte - wenn man nur jemanden fand, der das Risiko übernahm -, was, wie wir hinzufügen sollten, in der Regel nicht durch die Behörden geschah, die mit der Pflege des Bildungswesens betraut waren, erst seitdem hat die Wissenschaft die riesigen Fortschritte gemacht, die das Aussehen der Welt in den letzten hundertfünfzig Jahren verwandelt haben.
Friedrich August Hayek

Ein wichtiger Aspekt der Krise ist das bereits angesprochene ideale Tätigkeitsprofil vieler Sozialwissenschaftler, das sich in Lesen und Schreiben erschöpft [2]. Man muss allerdings betonen, dass das Tätigkeitsprofil eines Wissenschaftlers mit Lesen und Schreiben nicht mal ansatzweise hinreichend beschrieben ist. Die scholastische Schreibstubentätigkeit, die man in Deutschland präferiert, ist mit »Wissensverwalter« wesentlich besser beschrieben [3]. Ein häufig gebrauchter Euphemismus dafür ist »Gelehrter«. Wer sein Wissen nur aus Büchern bezieht und keine methodisch geleitete Forschung betreibt, erweitert nicht sein Wissen, sondern kann allenfalls das vorhandene verwalten, paraphrasieren und neu klingen lassen. Es ist ein Wissen, das sich nur durch Wiederholung, aber nicht durch Erfahrung oder Nachvollziehbarkeit bestätigt. Nicht umsonst stehen die Sozial- und Geisteswissenschaften in dem Ruf bloß verbale Schaumschlägerei zu sein. Der häufig behauptete gesellschaftliche Nutzen, den sie haben sollen, ist für jemanden außerhalb des Wissenschaftsbetriebs daher nur noch schwer nachzuvollziehen. Es bleibt zumeist bei der Behauptung eines gesellschaftlichen Nutzens. Den Beweis bleibt man schuldig.

Hinzu kommt, dass viele, die diese Ansicht vertreten, wenn sie vom gesellschaftlichen Nutzen reden, den politischen Nutzen meinen. Ein weiterer Erfahrungsbericht in einem Blogseminar der FAZ bringt es schließlich auf den Punkt: »Geisteswissenschaften als Staatsaufgabe«. Der Autor dieses Textes leitet aus dem angeblichen gesellschaftlichen Nutzen der Sozial- und Geisteswissenschaften die Forderung ab, dass der Staat den Absolventen eines entsprechenden Studiums die notwendigen Karrierewege schaffen sollte. Wie selbstverständlich wird der Staat als einziger Arbeitgeber für Sozial- und Geisteswissenschaftler betrachtet. Damit sind aber nicht mal Stellen in Politik und Verwaltung gemeint, die ja durchaus auch in Betracht kommen würden, sondern es wird lediglich ein Versorgungsanspruch für Sozial- und Geisteswissenschaftler an den Staat gerichtet, der sich einzig mit der vermeintlich gesellschaftlichen Funktion der Sozial- und Geisteswissenschaften rechtfertigt, ohne diese auch nur einmal zu erwähnen. Es ist bezeichnend, dass der Autor es auch nicht für nötig hält, den Lesern das Thema seiner Doktorarbeit zu verraten. Dies wäre das Mindeste, wenn man schon auf den Nutzen abstellt. Die Mühe einer Begründung dieser Annahme wird sich aber gar nicht mehr gemacht. Der Autor scheint anzunehmen, dass, wenn man sich mit Gesellschaft beschäftigt, das auch automatisch gut für sie wäre. So kann man sich als Leser kein eigenes Urteil über diesen angeblichen Nutzen bilden. 

Dass sich über den behaupteten Nutzen der Mantel des Schweigens legt, liegt möglicherweise daran, dass man die Forderung, die Geisteswissenschaften sollten Staatsaufgabe sein, auch mit guten Gründen bestreiten könnte. Auf den ersten Blick mag es demokratietheoretisch durchaus plausibel klingen, durch Aufklärung die Demokratie stärken zu wollen. Dieser politische Nutzen ist aber eher indirekt und bezieht sich mehr auf die durch wissenschaftliches Arbeiten erlernte Form der Informationsaufbereitung und der sachbezogenen Argumentation, die man selbstverständlich auch auf andere Themen übertragen kann. Es ist also gar nicht so sehr das produzierte Wissen, das die Demokratie sichert, sondern die Fähigkeit mit Informationen und Argumenten umzugehen, mit dem Ziel eine Entscheidung treffen zu können. Diese Fähigkeit lässt sich auch außerhalb der Wissenschaft erlernen, denn Entscheidungen müssen in allen Lebenslagen getroffen werden. Dabei handelt es sich also um nichts, was eine exklusive Kompetenz der Wissenschaft wäre. Sicherlich wird durch die wissenschaftliche Arbeitsweise diese Kompetenz in besonderem Maße gefördert. Das Ziel, eine Entscheidung treffen zu können, ist allerdings in der Wissenschaft sehr stark zu Gunsten des Mittels, der Informationsaufbereitung, in den Hintergrund getreten. Da außerdem Entscheidungen in Wissenschaft und Politik nach völlig anderen Maßstäben getroffen werden, qualifiziert eine wissenschaftliche Tätigkeit noch nicht automatisch für ein politisches Amt. 


Ist das deutsche Bildungssystem überhaupt modern?

Die Befürworter von staatlicher Regulierung vergessen dabei einen wichtigen Aspekt der modernen Gesellschaft, den der Soziologe Niklas Luhmann als funktionale Differenzierung beschrieben hat. Er geht davon aus, dass die moderne Gesellschaft in verschiedene Funktionssysteme differenziert ist, die jeweils eins von mehreren sozialen Problemen lösen, von denen potentiell jeder Mensch betroffen sein könnte. Das jeweilige soziale Problem kann durch kein anderes Funktionssystem gelöst werden. Dazu nutzen sie selbstgeschaffene Kriterien, um das Erleben und Handeln der Menschen zu orientieren. Ein Funktionssystem kann daher auch nicht die Funktion eines anderen übernehmen. Dadurch sind sie autonom und organisieren sich selbst. Bei der Politik, der Wissenschaft und der Erziehung handelt es sich um solche Funktionssysteme, die nicht einfach die Funktion des anderen übernehmen können. Die Politik arbeitet mit dem Kriterium Macht, die Erziehung mit dem Kriterium der Karriere und die Wissenschaft mit dem der Wahrheit - wenn man Wahrheit pragmatisch als vorläufig gesichertes Wissen betrachtet und nicht in einem absoluten Sinne als letztgültige Wahrheit -, um die Annahme ihrer Kommunikationsangebote zu motivieren. Akzeptiert man diese Annahmen, dann kann man beobachten, dass Politiker nicht an Erkenntnisgewinnen oder den Karrieren der Anderen interessiert sind, sondern an Machtgewinnen. Im Zweifel geht das Machtstreben immer vor, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse oder bestimmte Erziehungsmethoden dem im Weg stehen sollten. 

In Deutschland steht die institutionelle Verfassung des Erziehungs- und des Wissenschaftssystems immer noch unter staatlicher Hoheit. Man könnte sogar von einem Monopol sprechen. Die funktionale Differenzierung ist also noch nicht sehr weit entwickelt. Schon allein deshalb sollte man die Forderung nach staatlicher Regulierung wissenschaftlicher Karrieren äußerst skeptisch begegnen, denn diese gibt es bereits. Man möchte lediglich nicht die vermeintlich neoliberale Organisation der Wissenschaft, bei der auch auf den Nutzen geachtet wird. Bei den implementierten Evaluationsmethoden kann man sicherlich zu Recht fragen, ob sie diesen Zweck erfüllen. Es wird nur Quantität gemessen und nicht Qualität, Masse statt Klasse. Dies führt zu einem hohen Output an Literatur und der Zweit- und Drittverwertung von Ideen. Aufmerksamkeit erregt bei der Flut an Veröffentlichungen aber weniger eine handwerklich gut gemachte Studie, sondern die Alarmistischste. 

Dies führt im Wissenschaftsbetrieb zu einer schleichenden Verschiebung der Relevanzkriterien weg von wissenschaftlicher Wahrheit hin zu massenmedialer Aufmerksamkeit und politischer Anschlussfähigkeit. Dabei finden die Weltuntergangspropheten die meiste massenmediale Aufmerksamkeit und prägen das öffentliche Bild der Sozial- und Geisteswissenschaftler. Zugleich hat diese Rolle aber mit Wissenschaft nichts mehr zu tun. Denn über die Zukunft ist mit absoluter Sicherheit nur eins bekannt, nämlich dass sie unbekannt bleibt. Man kann sie also nicht wissenschaftlich erforschen, sondern allenfalls mehr oder weniger gut begründete Prognosen abgeben. So liefern die Weltuntergangsszenarien weniger den Stoff für wissenschaftliche Diskussionen, sondern die Legitimationsbasis für Politiker, die auf der Grundlage zugespitzter und übertriebener Problembeschreibungen genauso übertriebene Lösungen anbieten.

Diese Entwicklung hat nichts mit einer Ökonomisierung der Wissenschaft zu tun. Vielmehr handelt es sich um verzweifelte Versuche, die Existenzberechtigung der Sozial- und Geisteswissenschaften zu belegen. Das hat leider nur zur Einführung von Organisations- und Evaluationsansätze geführt, die gesellschaftsfremde Sozialwissenschaftler und technokratische Politfunktionäre für das halten, was Wirtschaft ausmacht, die aber erst zu den Missständen führen, die hinterher beklagt werden. Was heute als Neoliberalismus beschrieben wird, sind häufig die negativen Effekte der Überlagerung von nicht-politischen Kriterien durch politische. Es handelt sich um Entdifferenzierungsprozesse zum Zwecke politischer Machtgewinne. Nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierende Sozial- und Geisteswissenschaftler lassen sich mit ihren alarmistischen Prognosen dafür gerne als politische Stichwortgeber instrumentalisieren.

Da die Wissenschaft bereits jetzt finanziell vollständig von der Politik abhängig ist, erweist sich die Forderung nach mehr staatlicher Regulierung eher als Versuch den Teufel mit dem Belzebub austreiben zu wollen. Das eigentliche Problem wird in beiden Fällen weiter fortbestehen: die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaftler von der Politik. Diese macht sie erpressbar und eröffnet Politikern die Möglichkeit politisch erwünschte Forschungsergebnisse zu fordern. Solange man das Problem der fehlenden Karriereoptionen für Sozial- und Geisteswissenschaftler nicht auch vor diesem Hintergrund betrachtet, wird sich nicht viel an den derzeitigen Arbeitsbedingungen ändern. Die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaft von der Politik wird durch die Vorstellung, die Geisteswissenschaften sollten Staatsaufgabe sein, nicht angetastet, sondern noch unterstützt. 

Von der operativen Autonomie des Wissenschafts- und des Erziehungssystems kann gegenwärtig in Deutschland kaum die Rede sein. Daher muss man grundsätzlich die Frage stellen, warum ausschließlich der Staat für die Erziehung und Bildung seiner Bürger verantwortlich sein soll? Auch das wird von vielen für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Ein Blick in andere Länder zeigt, dass nicht ausschließlich der Staat für die Erziehung und Bildung seiner Bürger verantwortlich sein muss. Das deutsche Modell der staatlichen Monopolisierung von Forschung und Lehre ist auch einer der vielen deutschen Sonder- bzw. Irrwege, der zu einer Bildungsplanwirtschaft geführt hat, in der es nur noch darum geht irgendwelche Planzahlen zu erfüllen, damit sich Politiker öffentlichkeitswirksam inszenieren können. Selbst die Problemanalyse im besagten Text legt diese Schlussfolgerung nahe, dass die Politik das Problem ist. Denn es ist die arbeitsrechtliche Situation, die wiederum das Ergebnis politischer Entscheidungen ist, die genau zu den Problemen geführt haben, die es dem Autor schließlich unmöglich machten seine Doktorarbeit zu beenden. Und trotzdem schlägt er noch mehr staatliche Regulierung der wissenschaftlichen Karrieremöglichkeiten vor. 

Damit soll nicht gesagt sein, dass sich der Staat aus Wissenschaft und Erziehung komplett zurückziehen soll. Problematisch ist lediglich seine Monopolstellung in diesen Bereichen. Dass dies trotzdem von Sozial- und Geisteswissenschaftlern gefordert wird, offenbart einen weiteren seltsamen Widerspruch. Während Monopolbildung in der Wirtschaft abgelehnt wird, wird sie auf der anderen Seite in der Politik mit allen weitreichenden Konsequenzen für die operative Autonomie anderer Funktionssysteme begrüßt. Das lässt Zweifel daran aufkommen, ob denjenigen, die dies fordern, wirklich etwas an Demokratie und individueller Freiheit gelegen ist, denn faktisch arbeiten sie an ihrer Einschränkung und Abschaffung. Die derzeitigen Probleme des deutschen Wissenschaftssystems sind weniger durch funktionale Differenzierung verursacht. Sie sind also gar keine spezifisch modernen Probleme. Dabei handelt es sich vielmehr um Probleme, die durch die mangelnde Differenzierung von Politik, Erziehung und Wissenschaft verursacht werden. Wissenschaft und Erziehung in Deutschland kranken also an ihrer nach wie vor relativ vormodernen Ausgestaltung.


Berufsbeamtentum als Schutz vor den normalen Bürden des Lebens

Der vormoderne Eindruck wird noch verstärkt, wenn der Autor von »Geisteswissenschaften als Staatsaufgabe« als Ausweg aus der Misere Dienstpflicht, Treue zum Arbeitgeber und Kündigungsschutz sowie eine Bedarfsplanung für akademische Karrieren vorschlägt. Diese Lösungen sind wohl besser umschrieben mit Berufsbeamtentum und politisch gesteuerter, planwirtschaftlicher Organisation. Von Leistungsbereitschaft, Wettbewerbsfähigkeit und der Fähigkeit mit Ungewissheit umzugehen, zeugt das nicht gerade. Im Anbetracht der bestehenden Probleme sind diese Vorschläge zu einem gewissen Grad zwar verständlich. Sie zielen aber letztlich nicht darauf ab, diesen Anforderungen gerecht zu werden, wie es jeder außerhalb der Wissenschaft lernen muss, sondern sich diesen Anforderungen durch unbedingten politischen Bestandsschutz zu entziehen. Man kann deswegen den Eindruck gewinnen, dass der Autor mit den genannten Anforderung, entgegen seiner eigenen Beteuerungen, doch ein Problem hat. 

In der Vorstellung, dass die Geisteswissenschaften eine Staatsaufgabe sind, drückt sich der Anspruch auf leistungslose Alimentierung aus. Kündigungsschutz bzw. Unkündbarkeit, wie bei Beamten, bedeutet, dass das eigene Handeln keine Konsequenzen mehr hat. Man hat Narrenfreiheit in seiner Tätigkeit und kann machen, was man will. Selbst grobes Fehlverhalten ist nicht sanktionierbar. Das bedeutet auch, dass man sich für sein Handeln nicht mehr rechtfertigen muss oder, wenn doch, die Rechtfertigung bedeutungslos ist. Schon allein deswegen sollte dieser deutsche Sonderweg des Beamtentums, unabhängig davon welche Tätigkeit es betrifft, abgeschafft werden. Es ist das Relikt aus vormodernen Zeiten, in denen die Gesellschaft noch hierarchisch gegliedert war, und dient nur zur Sicherung eines Standesdünkels. Die Privilegien des Berufsbeamtentums kommen praktischerweise den Ansprüchen der einsamen Wissensverwalter sehr entgegen, denn sie werden jeglichen Erwartungen an Reziprozität enthoben. Sie könnten dann weiter in ihrer Arbeit vor sich hindümpeln, ohne irgendjemanden darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Das darf nicht passieren! 

Der Autor fordert im Prinzip Sonderrechte und Privilegien für Sozial- und Geisteswissenschaftler ein, die kaum ein Arbeitnehmer noch hat und die auch durch noch so viel staatliche Regulierung nicht wieder hergestellt werden können. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum ausgerechnet den Sozial- und Geisteswissenschaftlern ihre Existenzängste durch die staatliche Karriereplanung genommen werden sollen, während sich jeder andere Arbeitnehmer mit ihnen herumschlagen muss. Auch Sozial- und Geisteswissenschaftler sollten endlich einsehen, dass Existenzängste nun mal zum Leben dazugehören und die Wissenschaft keine staatlich geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme frei von jeglichem Leistungs- und Konkurrenzdruck ist. Ihre Ansprüche an einen idealen Arbeitsplatz entpuppen sich bei genauer Betrachtung als reichlich konservativ für Personen, die sich eigentlich für progressiver als die meisten halten. Die Fortschrittlichkeit hört offenbar da auf, wo es um die eigenen Privilegien geht. Auf die Solidarität und Unterstützung von Wissenschaftsoutsidern sollten sie daher gar nicht erst hoffen.

Jeder sollte sich für das, was er tut, rechtfertigen, wenn er erwartet, von anderen dafür bezahlt zu werden - speziell wenn es sich um das Geld der Steuerzahler handelt. Es reicht nicht, zu behaupten, dass man qua sozialwissenschaftlicher Reputation für das Ganze sprechen würde. Ironischerweise weisen Sozial- und Geisteswissenschaftler mit dieser Rechtfertigung ausgerechnet den Reziprozitätsanspruch zurück, den sie für den Rest der Gesellschaft als selbstverständlich erachten und immer wieder einfordern. Wenn jedoch nicht klar ist, wofür der Rest der Bürger überhaupt bezahlen soll, kann man nicht ernsthaft erwarten, dass dieser Alimentierungsanspruch widerspruchslos akzeptiert wird. Die Sozial- und Geisteswissenschaftler erfüllen, wie alle anderen Wissenschaftler eine gesellschaftliche und keine politische Funktion. Entsprechend müssen sie auch in der gesamten Gesellschaft für die Akzeptanz und finanzielle Förderung ihrer Arbeit werben und sich nicht nur der Politik andienen. Die Forderung, dass die Geisteswissenschaften Staatsaufgabe werden sollen, entpuppt sich damit als der Wunschtraum von gesellschaftsfremden Eigenbrötlern, die sich nicht dafür rechtfertigen wollen, was sie tun, aber trotzdem erwarten bezahlt zu werden. 


Image- & Glaubwürdigkeitsprobleme

Im Anbetracht der weitest gehenden gesellschaftlichen Relevanzlosigkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften müsste der Beweis für diesen behaupteten Nutzen erst noch erbracht werden. Damit möchte ich nicht behaupten, dass es einen solchen Nutzen nicht gibt. Er liegt aber nur in der Produktion von vorläufig gesichertem Wissen über die Regelmäßigkeiten des menschlichen Zusammenlebens und nicht in deren Veränderung [4]. Mit dem produzierten Wissen lassen sich zwar diese Regelmäßigkeiten verändern. Dies ist jedoch nicht mehr Aufgabe von Sozialwissenschaftlern. Deswegen ist es so wichtig das produzierte Wissen zu verbreiten und andere daran teilhaben zu lassen. Doch genau das können oder wollen sie nicht. 

Das liegt wiederum am falschen Selbstbild der Sozialwissenschaften, die eben einen Veränderungsanspruch erheben, auch wenn dies gar nicht von ihnen erwartet wird. Und selbst wenn sie versuchen diesem Anspruch gerecht zu werden und noch dazu Erfolg hätten, würden sie das Opfer von dem werden, was ich an anderer Stelle die Tragik der helfenden Berufe genannt haben. Jede Hilfe bzw. jeder Veränderungsversuch hat zum Ziel, den Helfer überflüssig zu machen. Wenn dies nicht gelingt, hat man es nicht mit Hilfsbedürftigkeit, sondern mit Hilflosigkeit bzw. Pflegebedürftigkeit zu tun. Der Helfer arbeitet also an seiner eigene Abschaffung. Eine Sozialwissenschaft, die den Anspruch erhebt, die Gesellschaft verändern zu wollen, würde damit an ihrer eigenen Abschaffung arbeiten. Mithin sieht es derzeit so aus als wären die Sozialwissenschaften schon fleißig dabei sich abzuschaffen. Das liegt aber weniger daran, dass sie bereits so erfolgreich wären, sondern an dem ausbleibenden Erfolg. Wird Hilfe nicht angenommen, läuft die Rolle des Helfers ins Leere. Möglicherweise ist dann der Helfer von vorn herein überflüssig.

Das Imageproblem der Sozial- und Geisteswissenschaften wird schließlich zu einem Glaubwürdigkeitsproblem, das sich vermutlich auch auf die Arbeitsmarktchancen jedes einzelnen Sozial- und Geisteswissenschaftlers auswirkt. Wer nicht mal in der Lage ist, die Probleme zu lösen, von denen er unmittelbar selbst betroffen ist, der dürfte wohl kaum fähig sein, die Probleme der Gesellschaft lösen. Man sollte sich nur mal darüber klar werden, dass vermeintlich hochqualifizierte Personen zu Löhnen für Hilfsarbeiter arbeiten gehen, sofern sie überhaupt bezahlt werden! Für einen Außenstehenden ist es kaum nachvollziehbar, wie man sich so dermaßen ausbeuten lassen kann. Dass man diese Behandlung bei der ganzen wohlklingenden Exzellenz-PR und Beteuerungen, wie wichtig die Wissenschaft für Deutschland sei, die die letzten Jahre über von Politikern und Universitätsleitungen verbreitet wurde, als Betrug empfinden kann, ist zum Teil verständlich. Zum Betrügen gehören aber immer mindestens zwei Personen: einer, der betrügt, und einer, der sich betrügen lässt. Daher fragt man sich, wie angeblich hochgebildete Personen so etwas mit sich machen lassen können?

Ein ausbeuterisches System als solches zu erkennen, ist das eine. Eine Hochschulpolitik, die zu solchen Zuständen führt, ist ohne Zweifel skandalös. Wenn man aber trotz Kenntnis dieser Missstände seine berufliche Zukunft weiter in diesem System sieht, dann ist das etwas anderes. Damit wird man selbst Teil des Problems, das man beschreibt. Das lässt sich nicht mehr mit Leidenschaft für die Wissenschaft rechtfertigen. Wenn man sich solch eine Behandlung gefallen lässt, grenzt das eher an Masochismus. Wenn die Leidenschaft schließlich dazu führt, dass man sich ausbeuten lässt, ist das nur noch dumm und idiotisch. 

Daran zeigt sich, was von dem Anspruch der Sozialwissenschaftler, durch die Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse diese zu ändern, zu halten ist. Reflexion scheint derzeit eher den Zweck zu haben, sich widerwillig dem Unabänderlichen zu fügen. Doch gerade an dieser Erfolglosigkeit zeigt sich, dass Reflexion nicht dazu geeignet ist, die Gesellschaft als Ganze zu ändern. Vielmehr kann sie helfen, jedem einzelnen Auswege aufzuzeigen, indem er sich der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bewusst wird, in deren Kontext er handelt. Diese können sich aber auf die persönliche Situation unterschiedlich auswirken. Dadurch gibt es nicht die eine Lösung für alle, sondern nur individuelle Lösungen für individuelle Probleme, die nicht zwingend bei jemand anderem funktionieren müssen. 

Die Fixierung der Sozialwissenschaftler auf die Gesellschaft hat sie blind gemacht für die Handlungsmöglichkeiten der Individuen. Dadurch sind viele Sozial- und Geisteswissenschaftler heute eine treibende Kraft geworden für die Verbreitung eines absolutistischen Staatsverständnisses und der dazu komplementären Vorstellung von Bürgern als unmündige Untertanen, die ohne den Staat gar nicht wüssten, was sie machen sollten. Inzwischen sind viele Sozial- und Geisteswissenschaftler die Opfer der unreflektierten politischen Implikationen ihres eigenen Selbstverständnisses geworden. Unversehens finden sie sich nicht an der Seite der Mächtigen wieder, sondern an der Seite der Machtlosen. Entsprechend hilflos stehen sie den gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber und können nichts tun außer zu klagen und anzuklagen. 

Stellt man den moralischen Anklagen und hochtrabenden Belehrungen die tatsächlichen Erfolge gegenüber, werden die performativen Widersprüche schließlich zum Verhängnis. Hart ausgedrückt: niemand will mit Klugscheißern zusammenarbeiten, die alles besser wissen, aber am Ende trotzdem nichts auf die Reihe kriegen. Der Widerspruch verschärft sich noch, wenn die Klugscheißer nicht nur diplomiert, sondern auch noch promoviert sind. Dieses Stigma haftet den Sozial- und Geisteswissenschaften als Disziplin inzwischen an und dürfte viel zum Verständnis ihrer derzeitigen gesellschaftlichen Irrelevanz beitragen. Dieses klägliche Bild prägt nicht nur das Image des Fachs als Ganzem, sondern auch die Berufschancen der Studenten dieses Fachs. Die genannten Texte sind leider symptomatisch für die Krise der Sozialwissenschaften, da ihnen außer einem einfallslosen und neurotischen »Mehr Desselben«, also noch mehr staatliche Regulierung des Wissenschaftsbetriebs, die genau zu den Problemen geführt hat, mit denen sie heute konfrontiert sind, nichts einfällt.

Man fragt sich, was noch passieren muss, damit sie endlich lernen, dass darin nicht die Lösung liegen kann? Die Lösung wäre endlich weniger Staat und mehr Autonomie für die Funktionssysteme Wissenschaft und Erziehung. Die finanzielle Abhängigkeit der Wissenschaft von der Politik hat die Autonomie der Wissenschaft bereits massiv eingeschränkt, sofern sie sie in Deutschland überhaupt je hatte. Und sie wird sie noch weiter einschränken, was langfristig darauf hinauslaufen wird, die Autonomie der Wissenschaft völlig abzuschaffen. Der Wissenschaftsbetrieb wird schleichend zum Lieferanten für politische Legitimität qua wissenschaftlicher Autorität umfunktioniert, um politischen Entscheidungen den Anschein objektiver, gleichsam alternativloser Wahrheit zu geben.


Der Ausweg aus der selbstverschuldeten Hilfslosigkeit

Die aktuelle Situation erscheint für angehende Sozialwissenschaftler aussichtslos. Umso dringlicher scheint für sie die Notwendigkeit staatlicher Regulierung zu sein, da sie es selbst nicht können. Da das Problem jedoch aufgrund des gepflegten Selbstbildes hausgemacht ist, kann darin trotzdem nicht die Lösung liegen. Dass das staatliche Monopol auf Bildung fällt, ist derzeit allerdings nicht absehbar. Man sollte daher gar nicht erst auf institutionelle Veränderungen hoffen. Die Reformen der letzten Jahrzehnte haben die Probleme nur verschlimmbessert. Außerdem gibt es noch genügend Nutznießer des gegenwärtigen Systems – allen voran die Professoren. Die haben überhaupt keinen Grund ausgerechnet die Organisationsform abzuschaffen, die ihnen ihre Machtposition sichert. Und möglicherweise ist es auch nur die Hoffnung, irgendwann einmal in solch eine Machtposition aufzurücken, und nicht die wissenschaftliche Tätigkeit, die viele dazu verführt trotz der widrigen Bedingungen weiter an ihrer Karriereplanung festzuhalten. Der Befreiungsschlag kann allerdings nur darin liegen, die persönliche Entscheidung zu treffen, dem Wissenschaftsbetrieb den Rücken zu kehren. John Galt lässt grüßen.

Was kann man bei den herrschenden, inakzeptablen Arbeitsbedingungen anderes tun als hinzuschmeißen und das derzeitige Wissenschaftssystem zu bestreiken? Solange keine annehmbaren Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb herrschen, sollte man diesen nicht weiter in der persönlichen Karriereplanung berücksichtigen. Nur wer sich berufliche Alternativen außerhalb des staatlichen Wissenschaftsbetriebs sucht, kann ihn wirkungsvoll bestreiken. Und im Idealfall findet man eine Alternative, mit der man gar nicht wieder zurückkehren muss. Erst wenn sich niemand mehr findet, der zu den unannehmbaren Bedingungen arbeiten will, wird man in Wissenschaft und Politik anfangen sich Gedanken darüber zu machen, wie man die Arbeitsstellen im Universitätsbetrieb wieder attraktiver gestalten kann. So schnell dürfte damit jedoch nicht zu rechnen sein. Das fortwährend produzierte Überangebot an sozialwissenschaftlich ausgebildeten Arbeitskräften wird noch eine ganze Weile dafür sorgen, dass es ein großes Potential an verfügbaren Arbeitskräften gibt, die einspringen werden, wenn jemand anderes genug davon hat - wenn es sein muss auch umsonst. Dass die berufliche Umorientierung derzeit zumeist das Ende der wissenschaftlichen Karriere bedeutet, ist ein Preis, den man im Anbetracht der Alternative in Kauf nehmen sollte, wenn man noch ein Fünkchen Selbstachtung hat.

Alternativen außerhalb der Wissenschaft gäbe es genug. Man muss sie nur finden und bestenfalls frühzeitig seine weitere Studienplanung daran ausrichten. Selbst eine Anstellung als Arbeitsvermittler in einem Jobcenter wird heute höher bezahlt als ein promovierter Sozialwissenschaftler an der Uni. Dass der Weg raus aus der Wissenschaft kein einfacher wird und sehr viele narzisstische Kränkungen bereithält, die deutlich machen werden, wie wenig die meisten Menschen auf Sozial- und Geisteswissenschaftler gewartet haben, soll gar nicht bestritten werden. Solche unangenehmen Wahrheiten einzusehen, gehört zum Erwachsenwerden und zum Leben nun mal dazu. Man kann von anderen Menschen nicht ernsthaft erwarten, dass sie immer nur das eigene positive Selbstbild bestätigen, wenn es durch das eigene Handeln ständig widerlegt wird. Wenn dem so wäre, wozu bräuchte man dann noch die so häufig beschworene Kritik? Diese Bestätigung will vielmehr immer und immer wieder hart erarbeitet werden, weil sie erstens vergänglich ist und zweitens andere Menschen auch danach streben und sich in die Quere kommen können. Nur wenn man selbst etwas für die Befriedigung seiner Bedürfnisse tut und Konflikte so lösen kann, dass man sich danach noch ohne schlechtes Gewissen im Spiegel anschauen kann, lernt man das dadurch gewonnene Glück zu schätzen. Hat man den beruflichen Wechsel schließlich geschafft, hat man sich auch wieder ein Stück Würde zurück erkämpft, die man als Sklave im akademischen Hamsterrad verloren hatte.




[1] In der Version für Smart- und iPhones werden leider Textstellen mit einer besonderen Formatierung, wie dem Text vorangestellte Zitate, nicht angezeigt. Dies ist vermutlich auch der Grund für den langen Freiraum zwischen der Textüberschrift und dem Beginn des eigentlichen Textes. Dies gilt auch für diesen Text. Das besagte Eingangszitat lautet wie folgt: »Wie er meinem Lebenslauf entnehmen könne, sei ich bereits vollständig in das akademische Leben eingegliedert, werbe immer wieder erfolgreich Forschungsgelder ein, habe lange an verschiedenen Hochschulen unterrichtet, publiziere regelmäßig, halte international Vorträge, arbeite an einem Buch, organisiere aktuell eine internationale Konferenz. Nur eben immer wieder ohne einen Cent Gehalt.«
[2] Diesem Abschnitt ist das folgende Zitat von Friedrich August Hayek vorangestellt: »Erst seit die Gewerbefreiheit der Anwendung des neuen Wissens freie Bahn verschaffte, erst seit alles ausprobiert werden konnte - wenn man nur jemanden fand, der das Risiko übernahm -, was, wie wir hinzufügen sollten, in der Regel nicht durch die Behörden geschah, die mit der Pflege des Bildungswesens betraut waren, erst seitdem hat die Wissenschaft die riesigen Fortschritte gemacht, die das Aussehen der Welt in den letzten hundertfünfzig Jahren verwandelt haben.«
[3] Den Unterschied zwischen Wissenschaftlern und Wissensverwaltern habe ich in meinen »Impressionen und Gedanken zum Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2014« näher ausgeführt.
[4] Siehe dazu meinen Vortrag »Hat sich die Soziologie in einem double bind verfangen?«, den ich 2014 auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gehalten habe. Darin thematisiere ich die widersprüchliche Selbstbeschreibung der Sozialwissenschaften und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Relevanzverlust.

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