Sonntag, 6. Dezember 2015

Falsche Fragen und richtige Antworten


...kommen wir jetzt zu etwas völlig anderem - oder auch nicht:


„Du Papa, kann man auf falsche Fragen richtige Antworten geben?“

„Sohn, eigentlich gibt es auf falsche Fragen auch nur falsche Antworten. Aber wenn schon falsch, dann sollte man sie richtig falsch beantworten.“

„Woher weiß ich denn, dass ich richtig falsch geantwortet habe?“ 

„Das musst du nicht wissen. Auf falsche Fragen gibt es nur falsche Antworten. Also ist jede Antwort richtig.“

„Bei falschen Fragen muss ich also gar nicht nachdenken?“

„Richtig. Irgendwie hast du bei der Beantwortung falscher Fragen immer ein Erfolgserlebnis.“

„Dann möchte ich nur noch falsche Fragen gestellt bekommen.“

„Falsche Antworten haben einen weiteren Vorteil, selbst bei einer richtigen Frage: Bei richtigen Fragen gibt es nur wenige richtige Antwortmöglichkeiten, manchmal nur eine. Bei falschen Antworten hast du immer eine schier unendlich große Auswahl bis auf die wenigen richtigen Antworten. Du kannst dir sogar falsche Antworten ausdenken.“

„Bei falschen Antworten kann ich also richtig kreativ sein?“

„Ja,…irgendwie.

„Dann möchte ich erst recht nur noch falsche Fragen gestellt bekommen.“

„Falsche Fragen haben aber auch einen schwerwiegenden Nachteil: Weil du dich bei der falschen Antwort aus einer unendlich großen Auswahl an Antworten für eine entscheiden musst, bist du schnell erschöpft und bekommst einen Burn Out.“

„Oh, das klingt ja nicht so toll.

Ja, vermeintlich einfache und toll klingende Lösungen können gravierende Nebenwirkungen haben. Es gibt sogar eine noch einfachere Variante mit falschen Fragen umzugehen. Statt sich letztlich ohne Grund für eine falsche Antwort entscheiden zu müssen, gibt man einfach gar keine Antwort. Das ist genauso gut wie eine falsche Antwort zu geben. Du ersparst dir auf diese Weise die Anstrengung dich mit unendlich vielen falschen Antworten beschäftigen zu müssen, die eh keinen Unterschied machen. Das Ergebnis ist desselbe. Auch mit einem Burn Out wärst du am Ende nicht mehr in der Lage eine Antwort zu geben.

Also besteht der Zweck falscher Fragen darin, den Befragten zum Verstummen zu bringen?

Das Verstummen ist zunächst ein Effekt falscher Fragen. Es kann, muss aber nicht der verfolgte Zweck sein. Auch du hast deine Frage falsch gestellt, mein Sohn. Wie du bemerkst, habe ich dir trotzdem eine Antwort darauf gegeben.

„Nach deiner Logik müsste diese Antwort falsch sein ...ach nein, richtig ...häh? Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Deine Logik ist ganz schön verrückt.

„...nicht verrückter als deine Ausgangsfrage. Ich habe mich nur auf dich eingelassen. Was ich dir damit zeigen wollte, war, was passiert wenn man falsche Fragen stellt. Wenn man davon ausgeht, dass es einen Unterschied zwischen richtig und falsch gibt, dann löst sich dieser Unterschied mit der Zeit auf, wenn es nicht notwendig war die Unterscheidung von richtig und falsch anzuwenden. Fragen können weder richtig noch falsch sein, das können allenfalls die Antworten. Versuchst du trotzdem zwischen richtigen und falschen Fragen zu unterscheiden, macht auch im Hinblick auf die Antworten der Unterschied zwischen richtig und falsch keinen Unterschied mehr. Du hast es eben selbst gemerkt. Das gilt übrigens nicht nur für die Unterscheidung von richtig und falsch. Das gilt für jede Unterscheidung. Wenn ein Unterschied also keinen Unterschied mehr macht, dann prüfe, ob du die Unterscheidung auf etwas angewendet hast, bei dem es nicht notwendig war.

„Was mache ich, wenn ich das merke?

„Nach einer anderen Unterscheidung suchen, die besser passt.

„Welche Unterscheidung würde in diesem Fall besser passen?

Häufig, wie in diesem Fall, geht es auch nur darum zu erkennen, dass man keinen weiteren Unterschied machen muss. Zwischen richtigen und falschen Fragen zu unterscheiden, war nicht notwendig. Dann gilt es zu erkennen, dass du dich von der Unterscheidung lösen musst. Ansonsten könnte sich diese Verwirrung auf dein ganzes Denken ausbreiten.

„Wenn ich mich nicht von einer überflüssigen Unterscheidung lösen kann, dann brenne ich aus?

„Ja. Einfache Lösungen versprechen große Ersparnisse an Zeit und Energie - deine Energie. Nur noch auf falsche Fragen antworten zu wollen ist so eine einfache Lösung. Sie beruht jedoch auf einer unnötigen Unterscheidung. Gelingt es dir nicht, dich von der Unterscheidung von richtigen und falschen Fragen zu lösen, kostet dich das auf lange Sicht eine Menge an unnötiger Zeit und Energie, weil diese einfache Lösung dich damit beschäftigen wird, die damit verbundenen Folgeprobleme zu lösen. Du kannst dich dann auf nichts anderes mehr konzentrieren. Genau genommen bist du dann nur noch mit dir selbst beschäftigt, denn es war deine Entscheidung, diese einfache Lösung zu wählen. Somit sind auch die Folgeprobleme die Ergebnisse deiner Entscheidung. Diese Folgeprobleme lassen sich nur lösen, wenn du erkennst, dass deine Lösung diese Probleme erst geschaffen hat. Investiere also am Anfang lieber ein bisschen mehr Zeit und Energie und hinterfrage Lösungen etwas gründlicher. Es wird sich für dich lohnen. Die Zeit und Energie, die du am Anfang mehr investierst, wird dir helfen später sehr viel mehr Zeit und Energie zu sparen.

„Dieses Gespräch hat mir auf jeden Fall sehr viel abverlangt. Und später soll das nicht mehr so sein? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.

„Wenn du deine Zweifel nicht ablegst, wird es immer so sein. Ich erwarte nicht, dass du alles, was ich dir gerade erzählt habe, sofort verstehst. Aber achte mal darauf. Du wirst es verstehen, wenn du dieses Problem ein paar Mal selbst erkannt und gelöst hast. Vorstellung allein reicht dafür nicht aus. Niemand besitzt soviel Fantasie, sich alle Eventualitäten vorstellen zu können. Bestimmte Sachen kannst du dir erst vorstellen, nachdem du etwas getan hast. Dadurch liegen die Hürden am Anfang relativ hoch. Das ändert sich aber, sobald man diese Hürden genommen hat. Die Suche nach den richtigen Antworten auf eine Frage wird dann wesentlich leichter als die Suche nach den richtigen Antworten auf eine falsche Frage. Du musst es nur versuchen.

„Ich darf keine Zweifel haben?

„Doch, Zweifel darfst du schon haben. Wenn du deinen Unterscheidungsgebrauch hinterfragst, zweifelst du ja schon. Aber auch Zweifel erhalten ihren Sinn nur durch ihr Gegenteil: durch Gewissheiten. Damit sind keine absoluten Gewissheiten gemeint, wie sie Religionen anbieten. Du benötigst aber vorläufige Haltepunkte, an denen du dich orientieren kannst, um unbekanntes Terrain zu erkunden. Ohne diese Haltepunkte bleibt das Terrain immer unbekannt. Bei diesen Haltepunkten handelt es sich auch um Unterscheidungen, sie können also ausgewechselt werden, wenn sie sich als nicht hilfreich erwiesen haben. Das weiß man aber immer erst, nachdem man sie benutzt hat. Das nennt man Lernen. Es bleibt dir also gar nichts anderes übrig als mit irgendeiner Unterscheidung anzufangen und sie auszuprobieren. Du bindest dich damit aber nicht für immer an sie. Das schließt jedoch nicht aus, dass du auf Unterscheidungen stößt, die sich als nützlicher erwiesen haben als andere, sodass du sie nicht nur als vorläufige Haltepunkte betrachtest, sondern immer wieder verwendest. Solche Unterscheidungen findet man aber immer erst nach dem Überwinden der ersten Hürden. Sie fallen dir nicht einfach so in den Schoss.

„Dann bleibt mir also nichts anderes übrig als anzufangen?

„Ja, da kommst du nicht drum herum.

„Ok. Dann möchte ich lieber doch keine falschen Fragen gestellt bekommen, sondern die richtigen Antworten suchen. Reicht es wenn ich morgen damit anfange?

„Das reicht, von mir aus auch erst übermorgen. Hauptsache du fängst an. Aber denke daran, dass du nicht unbegrenzt Zeit hast. Warte also nicht zu lange damit.


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