Donnerstag, 20. November 2014

Soziologen als Mythenjäger


»Wenn man verstehen will, worum es in der Soziologie geht, dann muß man in der Lage sein, in Gedanken sich selbst gegenüberzutreten und seiner selbst als eines Menschen unter anderen gewahr zu werden. Denn die Soziologie beschäftigt sich mit den Problemen der „Gesellschaft“, und zur Gesellschaft gehört auch jeder, der über die Gesellschaft nachdenkt und sie erforscht.« 
Norbert Elias*


Die Fähigkeit, über die Soziologen nach Elias verfügen sollten, ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Sich selbst als jemand anderes gegenüber zu treten, bedeutet die Voraussetzung zu schaffen, um gewahr zu werden, welchen Eindruck das eigene Verhalten auf andere Menschen macht. Leider ist diese Fähigkeit unter Soziologen, speziell denen, die sich einer Kritischen Soziologie – egal welcher Schule – zurechnen, nicht sehr weit verbreitet. Kritische Theorien bilden zumeist eine gefährliche Kombination von Modellen, die Elias mythisch-magisch und naturwissenschaftlich bezeichnet (vgl. 2014 [1970], S. 16f.). Das mythisch-magische Modell zeichnet sich durch eine naiv-egozentrische Beobachtungsweise aus, das naturwissenschaftlich-mechanistische Modell durch die Beobachtung von Kausalbeziehungen. Beiden Beobachtungsformen ist eine zu starke Reduktion von sozialen, biologischen, chemischen oder physikalischen Sachverhalten auf unidirektionale Wirkungszusammenhänge gemein - im sozialen Bereich durch Reduktion auf Subjekt-Objekt-Beziehungen, in der Natur durch mechanische Ursache-Wirkungsbeziehungen.

Diese Beobachtungsschemata konstruieren einseitige bzw. asymmetrische Beziehungen, die man mit Michel Serres auch als parasitär bezeichnen kann (vgl. 1987 [1980]). Obgleich sich auch empirisch solche parasitären Beziehungen beobachten lassen, sind nicht alle natürlichen und sozialen Beziehungen parasitäre Beziehungen. Leider wurde dieses Beziehungsmuster unter dem Einfluss mythisch-magischer und naturwissenschaftlich-mechanistischer Modelle soweit generalisiert, dass wechselseitige, symmetrische oder rekursive Beziehungen nicht mehr in den Blick kommen. Als Beispiel für eine solche Kombination mythisch-magischer Beobachtungen sozialer Beziehungen mit der wissenschaftlich-mechanistischen Beobachtungsweise kann man die verschiedenen Machtkonzepte kritischer Theorien betrachten. In mechanistischer Art reduzieren sie soziale Beziehungen auf einseitige Beziehungen, in denen eine Person die Macht ausübt und die andere Person muss sich fügen. Gegenstand der Kritik ist dann, dass sich der Machtunterlegene unfreiwillig fügen muss, aber nicht die Machtausübung selbst. Die Kritik erfolgt also aus der Position des Machtunterlegenen. Anstatt Macht als einen Sachverhalt zu beobachten, der aus der wechselseitigen Beziehung mindestens zweier Menschen zueinander verständlich wird, gerinnt Macht aus der egozentrischen Perspektive des Machtunterlegenen in mythisch-magisch Art zu einem Sachverhalt auf den Menschen keinerlei Einflussmöglichkeiten haben.

Diese Form der Theoriebildung entspringt der Unfähigkeit zur Selbstreflexion, denn würden die Vertreter solcher Theorien sich selbst gegenübertreten, dann würden sie gewahr werden, dass sie selbst in Machtverhältnisse verstrickt sind und diese, obwohl sie sie eigentlich überwinden wollen, durch ihre Form der Kritik stabilisieren. Das liegt daran, dass sich die Perspektiven von Machthaber und Machtunterlegenen komplementär ergänzen. An kritischen Ansätzen ist zumeist sehr auffällig, dass sie ein sehr starkes Problembewusstsein haben und die Probleme in beeindruckender Klarheit beschreiben können. Die angebotenen Lösungen lösen jedoch nicht die kritisierten Probleme, sondern machen sie zumeist noch schlimmer. Durch das komplementäre Verhältnis der Perspektiven, wird durch die Kritik nur die Position des Machthabers bestätigt. Alle angebotenen Lösungen des kritisierten Problems laufen darauf hinaus, dass Machthaber und Machtunterlegene die Positionen wechseln oder alles so bleibt wie es ist, weil man sowieso keine Möglichkeiten sieht Veränderungen durchzusetzen. Die Lösungsvorschläge entspringen nämlich selbst den mythisch-magischen Phantasien über die Funktionsweise sozialer Beziehungen, die sich in der sozialen Wirklichkeit wiederum als parasitäre Beziehungen realisieren und bestehende Konflikte weiter verstärken. Die Verantwortung für die Folgen der eigenen Problemanalysen in Form der daraus abgeleiteten Lösungsvorschläge wird von den engagierten Kritikern jedoch zurückgewiesen.

Daran zeigt sich das Fehlen der Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Abwehr der Erkenntnis, dass man selbst in die Beziehungen verstrickt ist, die eigentlich kritisiert werden sollen. Effektive Kritik fängt jedoch erst da an, wo die einem mythisch-mechanistischen Weltbild entspringende Kritik an ihre Grenzen stößt. Bevor die realen Verhältnisse kritisiert werden können, müssen zunächst die Formen der Beobachtung und Beschreibung dieser Verhältnisse einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Die schlichte Negation des mythisch-mechanistischen Weltbildes der Machthaber reicht nicht aus, denn sie erkennt nicht die Gemeinsamkeiten zwischen Kritik und Kritisiertem. Es ist zu wenig den herrschenden Mythos der Machthaber durch den der Machtunterlegenen zu ersetzen, solange dieser ebenfalls einer egozentrischen Perspektive entspringt und damit nur die Weltsicht der Machthaber spiegelverkehrt reproduziert. Dieser ist dann genauso realitätsverzerrend wie der herrschende.

Neben der Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen hat Elias eine weitere Aufgabe der Soziologie in der Analyse, Kritik und Veränderung solcher mythisch-magischen bzw. egozentrischen oder parasitären Beobachtungsformen zwischenmenschlicher Beziehungen gesehen. Zwischenmenschliche Beziehungen und die Formen ihrer Beobachtung lassen sich nicht unabhängig voneinander denken, denn beide beeinflussen sich wechselseitig, d. h. sie verändern sich wechselseitig. Trotzdem besteht bis heute eine starke Tendenz innerhalb der Soziologie den Einfluss der eigenen Beschreibungen der Gesellschaft auf die Gesellschaft zu ignorieren. Diese Tendenz wird durch die mythisch-mechanistische Beobachtungsweise sozialer Beziehungen noch verstärkt, welche letztendlich in einem Menschenbild kulminiert, das Menschen nur noch als völlig fremdbestimmte Machtobjekte beschreiben kann. Es handelt sich dabei zugleich um eine entfremdete Beobachtungsweise, denn die Beobachterposition, die eine solche Beobachtung der Menschen erlaubt, ist die von Personen, die die Funktionsweise zwischenmenschlicher Beziehungen nicht verstehen, die gleichsam von außen zuschauen müssen und die auch keine Möglichkeiten für sich sehen, wie sie sich selbst in zwischenmenschliche Beziehungen einbringen können. Diese Ohnmacht soll durch Theorien von übermächtigen und unerreichbaren Gebilden, wie z. B. Macht, legitimiert werden, ohne zu registrieren, dass man bereits selbst dabei ist solch ein übermächtiges Gebilde zu konstruieren. Unbedingte Ohnmacht schafft jedoch das Bedürfnis nach unbegrenzter Macht. Auch wenn dieser unbedingte Machtwille immer anderen zu geschrieben wird, verrät dies zuerst einmal sehr viel über die eigenen politischen – und nicht wissenschaftlichen! – Ambitionen solcher Theorieunternehmen. Utopien werden häufig zur Legitimation solcher pseudo-emanzipatorischen Projekte benutzt, um die Menschen mit ihren naiven Hoffnungen zu ködern. Doch sie entspringen auch einem mythisch-magischem Verständnis zwischenmenschlicher Beziehungen. Auch das zeugt von der fehlenden Fähigkeit zur Selbstreflexion vieler Soziologen. Aufklärung geht anders.

Elias‘ Bestimmung der Aufgaben der Soziologie hat bis heute ihre Berechtigung. Er sah Soziologen in der Rolle von Mythenjägern (vgl. Elias 2014 [1979], S. 57ff.) Doch als Voraussetzung, um diesen Aufgaben gerecht werden zu können, benötigt man die Fähigkeit sich selbst durch die Augen von jemand anderes zu sehen. Dann kann man verstehen, welchen Eindruck das eigene Verhalten auf andere machen kann und warum man möglicherweise nicht die Aufmerksamkeit erhält, die man sich eigentlich wünscht. Nur unter dieser Voraussetzung ist man auch in der Lage die Gefahren und Risiken zu erkennen, die diese Aufgaben mit sich bringen. Ohne ein Bewusstsein für die möglichen Auswirkungen des eigenen Verhaltens würden sich Soziologen nur in die Konflikte zwischen verschiedenen mythisch-magischen Weltbildern einmischen und Partei für die vermeintlich unterlegene Seite ergreifen. Sie würden nur Öl ins Feuer gießen und den bestehenden Konflikt aufwerten. Kritische Soziologen betätigen sich bis heute nur als Konfliktaufwerter (vgl. Luhmann 1984, S. 536) und unterstützen damit fast zwangsläufig die Bildung mythisch-mechanistischer Weltbilder, die die Wahrnehmung zwischenmenschlicher Beziehungen durch ihre egozentrische Perspektive trüben anstatt sie zu erhellen. Bevor sich Soziologen heute auf die Jagd nach den in der Gesellschaft verbreiteten Mythen machen, müssen sie zunächst die soziologischen Mythen jagen – von denen es inzwischen eine ganze Menge gibt -, um sich selbst von egozentrischen und mythisch-magischen Beobachtungsverzerrungen zu befreien. Ansonsten wird es nicht gelingen einen unvoreingenommen Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen zu werfen. Und ebenso wenig wird es gelingen Lösungen für Konflikte, die nicht eine gesellschaftliche Gruppe einseitig bevorzugen und gerade auf diese Weise die sozialen Konfliktherde weiter schwelen lassen, zu finden oder auch nur bestehende Lösungen als solche zu erkennen.




*2014 [1970], S. 11


Literatur
Elias, Norbert (2014 [1970]): Was ist Soziologie? 12. Auflage Beltz Juventa Weinheim/Basel
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Serres, Michel (1987 [1980]): Der Parasit. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

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