Samstag, 8. November 2014

Dass es soziale Systeme gibt, muss sich zeigen


"6.36 Wenn es ein Kausalitätsgesetz gäbe, so könnte es lauten: »Es gibt Naturgesetze«.                              
Aber freilich kann man das nicht sagen: es zeigt sich." Ludwig Wittgenstein

Dass man einen Satz wie »Es gibt Naturgesetze« nicht sagen kann, meint nur, dass dieser Satz nicht sinnvoll ist. Trotzdem kann er gesagt werden. Er besagt in dieser Form bloß nichts. Die Aufmerksamkeit wird durch diesen Satz auf die schlichte Feststellung gelenkt, dass es Naturgesetze gibt: es gibt Naturgesetze, Naturgesetze gibt es. Weder wird angegeben, was Naturgesetze sind noch wie man nachvollziehbar erkennen kann, dass es sie gibt. Diesen Satz kann man nur bedingungslos akzeptieren oder ablehnen. Bei diesem Satz handelt es sich um eine Tautologie. Eine Tautologie ist eine besondere Form der Paradoxie, denn es ist ein Satz der keinen Unterschied markiert. Es fehlt der Kontext bzw. der Rahmen vor dem dieser Satz einen Sinn macht. Also muss diese Paradoxie entfaltet werden. D. h. es müssen Unterschiede in Form einer Sprache eingeführt werden, die zeigen, dass es Naturgesetze gibt. Der Satz »Es gibt Naturgesetze« würde dann den Kontext für die Entwicklung dieser Sprache bilden.

Wenn Niklas Luhmann „Soziale Systeme“ (1984) mit der Feststellung beginnt, dass es soziale Systeme gibt, dann deswegen, um sich den Rest des Buches der Aufgabe zu widmen eine Sprache zu entwickeln, mit der sich zeigt, dass es soziale Systeme gibt. Luhmann hat nicht mehr gemacht als eine Unterscheidung von System und Umwelt zu treffen. Er war der psychischer Beobachter, der sich von der Umwelt unterscheidet, in der soziale Systeme beobachtet werden sollen. Die Beseitigung des erkenntnistheoretischen Zweifels, ob es soziale Systeme gibt oder nicht, ist notwendig, denn wenn man Zweifel daran hat, ob es den Sachverhalt, den man beobachten und beschreiben möchte, wirklich gibt, dann ist auch die Entwicklung einer Sprache, die diesen Sachverhalt zeigen kann, von vorn herein ein zweckloses Unterfangen. Mit dem Satz »Es gibt soziale Systeme« führte Luhmann also den Kontext ein, in dem das Nachfolgende seinen Sinn ergibt. Würde man diesen Kontext negieren, macht auch das Nachfolgende keinen Sinn mehr.

Dirk Baecker versucht seit Neuestem mit der These aufzufallen, dass es keine sozialen Systeme gibt. Erst wenn man die Annahme, es gibt soziale Systeme, fallen lassen würde, könnte sich das volle wissenschaftliche Potential der Luhmannschen Systemtheorie entfalten. Baecker möchte soziale Systeme nur noch als Komplexität verstanden wissen. Das kann man machen. Dann gilt es aber eine Sprache zu entwickeln, mit der sich zeigen lässt, dass es Komplexität oder komplexe Systeme gibt. Baeckers Hoffnung liegt darin, dass sich mit dem Formenkalkül von George Spencer-Brown (vgl. 1997 [1969]) eine solche Sprache entwickeln lässt. Diese Hoffnung teile ich zu einem gewissen Grad, solange es darum geht das Selbstreferenzproblem sprachlich in den Griff zu bekommen. Baecker geht jedoch weit darüber hinaus und versucht einige Grundbegriffe der Luhmannschen Systemtheorie mit dem Formkalkül als Gleichungen zu rekonstruieren und zu operationalisieren. Dadurch werden diese Begriffe in Unterscheidungen aufgelöst, d. h. die Operation des Unterscheidens als Informationsmedium wird auf seine Selbstreferenz zurückgeführt, also auf die Unterscheidung selbst. Wie allerdings die Operationalisierung, also der Umweltbezug, hergestellt werden kann, ist offenbar noch unklar. Dafür steht noch keine Sprache zu Verfügung. Deswegen muss Baecker eine Literarisierung bzw. eine lyrische Soziologie fordern. Es ist die Forderung nach der Sprache mit der sich zeigen soll, dass es Komplexität bzw. komplexe Systeme gibt.

Baecker gerät dabei aber in einen merkwürdigen Widerspruch zu seinem eigenen Anspruch. Man kann nicht davon ausgehen, dass es den Sachverhalt, den man beobachten will, nicht gibt, um sich dann an die Entwicklung einer Sprache zu machen, die dann doch diesen Sachverhalt zeigen soll. Wenn die Sprache den Sachverhalt nicht zeigen soll, dann bräuchte man diese Sprache auch nicht. Ansonsten würde man eine Sprache entwickeln, deren Wörter nichts bezeichnen und somit auch nichts zeigen können. Dieser Widerspruch macht sich auch in Baeckers eigener Sprache immer dann bemerkbar, wenn er beschreibt, wie er die systemtheoretischen Grundbegriffe in den Formbegriff hineinprojiziert, ohne nachvollziehbar darzustellen, warum diese Lesart gerechtfertigt wären. Anstatt an beobachtbaren Sachverhalten nachvollziehbar zu beschreiben, was Komplexität bedeuten könnte, erklärt er die Bedeutung eines Zeichens durch den Verweis auf ein anderes. Somit hat man plötzlich zwei Zeichen - soziales System und Komplexität -, die dasselbe bezeichnen sollen, ohne geklärt zu haben auf welchen empirischen Sachverhalt mit den Zeichen verwiesen werden soll. Es wird zwar etwas kondensiert, aber nichts konfirmiert. Man lernt dabei eigentlich nur, was Baecker in der Form sieht, und staunt, was er so alles in einem einfachen Häkchen sehen kann.

Die unbestreitbare Stärke des Formenkalküls besteht darin, dass man Unterscheidungsarrangements auf ihre Selbstreferenz, Spencer-Brown bezeichnet sie als den seichtesten Raum (vgl. 1997 [1969], S. 6), zurückführen kann. Damit hat man die Paradoxieentfaltung quasi rückwärts verfolgt. Dies ist die Methode der Dekonstruktion. Am Ende steht man allerdings vor der Paradoxie der Form (vgl. Luhmann 1993) und blickt Stheno direkt in die Augen. Beobachtungstheoretisch uninformierte Beobachter wissen an diesem Punkt weder aus noch ein und vollführen alle möglichen sprachlichen Verrenkungen - den postmodernen Erstarrungstanz -, um auf die paradoxe Konstitution jeder Unterscheidung hinzuweisen. Für empirische Arbeit muss diese Entfaltung der systemkonstituierenden Unterscheidung an einem Beispiel nachvollzogen werden. Hier kommt man allerdings schon in Unterscheidungs- bzw. Entscheidungsschwierigkeiten, wenn man annimmt, dass es keine Systeme gibt. Durch diese theoretische Vorentscheidung wird man dann dazu genötigt, sich mit sich selbst zu beschäftigen bzw. mit der Theorie, mit der man arbeitet. Das macht sich in den letzten Veröffentlichungen Baeckers dadurch bemerkbar, dass sie nur um Systemtheorie, Beobachtungstheorie und deren Geschichte kreisen [1]. Die Systemtheorie darf jedoch nicht ihr einziges Beobachtungsobjekt bleiben, um zu zeigen, dass es soziale Systeme gibt. Die Beschäftigung mit der Theorie und ihrer Geschichte wird fruchtlos bleiben, wenn man sich nicht dafür interessiert, was mit der Theorie beobachtet werden soll - und das kann nicht nur sie selbst sein. Zugleich verliert man die Möglichkeit zu unterscheiden, ob Probleme, die bei der Selbstbeschäftigung auftreten, auf den beobachteten Gegenstand oder die beobachtende Theorie zurückgehen.

Bleibt man auf diesem Pfad, bekommt die Theorie in der weiteren Entwicklung einen sehr starken radikal-konstruktivistischen bzw. solipsistischen  Einschlag. Man kann auch sagen, die operative Geschlossenheit von beobachtenden Systemen wird zu stark betont. Die informationellen Offenheit wird dagegen vernachlässigt, wenn sie nicht sogar völlig unbeachtet bleibt. Durch dieses Konstruktionsproblem der Theorie verliert sie selbst ihre informationelle Offenheit für die Umwelt. Konzentriert man sich nur auf die Frage, ob es soziale Systeme gibt oder nicht, wird die Umwelt selbst zum blinden Fleck dieser Art von Systemtheorie. Man oszilliert in der Unterscheidung von System/Nicht-System und nicht in der von System/Umwelt. Baecker beobachtet lediglich mit der System/Nicht-System-Unterscheidung. Nur unter dieser Prämisse macht ein Satz wie »Es gibt keine sozialen Systeme« einen Sinn. Es ist die schlichte Negation des Satzes »Es gibt soziale Systeme«. 

Mit dem Satz »Es gibt soziale Systeme« werden soziale Systeme von allem anderen unterschieden. Die Negation dieses Satzes fügt dem Sinn nichts hinzu, sondern dupliziert ihn nur, wenn man so sagen darf, spiegelverkehrt. Die Aufmerksamkeit wird, wenn auch negativ, immer noch auf soziale Systeme gelenkt - was immer mit »soziale Systeme« in diesem Fall gemeint sein soll. Was Baecker durch diese Form der Beobachtung macht, ist ein Objekt zu konstruieren, das als »soziales System« bezeichnet wird. Luhmann unterscheidet Objekte von Begriffen (vgl. 1992, S. 124). Im Gegensatz zu Objekten, muss bei der Explikation von Begriffen auch angegeben werden von welchem anderen Begriff er sich unterscheiden soll, so z. B. System von Umwelt oder Zivilisation von Kultur. Nur die wechselseitige Bestimmung zweier Begriffe im Unterschied zueinander schränkt die Verweisungshorizonte beider soweit ein, dass beide Begriffe in ihrem Sinngehalt relativ stabil gehalten werden können. Bei Unterscheidungen von etwas im Unterschied zu allem anderen kann der Sinngehalt nicht stabil gehalten werden, weil nicht klar ist, wovon sich das Bezeichnete unterscheiden soll. Die Identität kann dann nur durch ein tautologisches Beharren darauf, dass etwas so ist wie es ist, aufrecht erhalten werden. Das Unterschiedene wird gleichsam wie ein Ding oder Objekt behandelt, damit es das bleiben kann, was der Beobachter sieht. Das ändert sich auch nicht, wenn man es negiert. Der Systembegriff wird von Baecker also nicht entfaltet, sondern zum Objekt gemacht [2]. Mit der Negation des Satzes »Es gibt soziale Systeme« versucht Baecker einer Ontologie zu entkommen, die er Luhmann unterstellt. Dabei führt ihn diese Art der Beobachtung direkt in eine Ontologie, weil sie selbst ontologisch ist.

Durch diese Beobachtungsweise geht nicht nur die informationelle Offenheit bzw. Irritierbarkeit verloren, sondern auch die empirische Anwendbarkeit der Theorie. Dass es keine sozialen Systeme gibt, wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Im Rahmen einer solchen Theoriekonstruktion kann man diese Probleme allenfalls registrieren. Man kann sie aber nicht mehr beschreiben. Hier zeigt sich erneut, warum Baecker eine lyrische Soziologie fordern muss. Es ist auch die Forderung nach einer Sprache, mit der sich diese Beobachtungsprobleme beschreiben lassen. Dies erscheint jedoch umso verwunderlicher, weil es sich um Selbstreferenzprobleme handelt, also um Paradoxien, die sich aus dem Unterscheidungsarrangement ergeben, und die eigentlich mit Spencer-Browns Formenkalkül ausfindig gemacht werden können. Die Hoffnungen in diese Sprache der lyrischen Soziologie werden jedoch enttäuscht werden, wenn diese Sprache auch nur eine selbstbezügliche Beobachtungsweise ermöglicht. Wenn solipsistische Prämissen die Theoriekonstruktion leiten, wird sich wiederum nur eine solche selbstbezügliche Beobachtungsweise entwickeln lassen. Wenn es keine zu beobachtenden Systeme in der Umwelt gibt, dann lässt sich auch nur dieser Sachverhalt zeigen. In der Folge kann man sich allenfalls noch selbst zeigen, dass es die Wirklichkeit des eigenen Beobachtens gibt. Alles andere ist bereits von vorn herein ausgeschlossen, u. a. die Wirklichkeit anderen Beobachtens.

Man kann jedoch nicht beobachten, wie beobachtet wird, ohne zu berücksichtigen, was beobachtet wird. Mit anderen Worten, wer nicht bereit ist, eine eigene Beschreibung des beobachteten Gegenstands anzubieten, dem wird es auch nicht gelingen zu beschreiben, wie dieser Gegenstand von anderen Beobachtern beobachtet wird. Dann kann man nur sagen, dass beobachtet wird, aber nicht wie. Mehr lässt sich mit Baeckers Theorieanlage bei genauerer Betrachtung nicht sagen. Erst durch die Beschreibung, wie beobachtet wird, lässt sich zeigen, dass es beobachtende Systeme gibt. Dazu nochmals Wittgenstein:

"6.44 Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist."

Wer also nichts weiter tut als zu bestätigen, dass etwas so ist, wie es ist, betreibt nach Wittgenstein bereits Mystik. Die Tautologie wird nicht entfaltet, sondern bleibt aufgrund der bloßen Fokussierung der Aufmerksamkeit auf das Bezeichnete bestehen. Die Tautologie suggeriert eine scheinbare Klarheit durch die kontextfreie Bestätigung des Bezeichneten. Auf den zweiten Blick fixiert diese Form der Beobachtung die Aufmerksamkeit lediglich auf die Unterschiedslosigkeit des beobachteten Objekts, die informationstheoretisch nichts weiter als Rauschen erzeugt. Erst wer hinterfragt, kann sich ein Bild davon machen, wie die Welt ist. Das bedeutet nachträglich noch eine Beobachtung 2. Ordnung zu vollziehen, mit der man z. B. Objekte von Begriffen unterscheiden kann. Dabei handelt es sich schon um die Unterscheidung von zwei verschiedenen Formen des Unterscheidens.

Der aufmerksame Leser wird bereits bemerkt haben, dass ich hier mit solch einer Sprache arbeite, die zeigen soll, dass es soziale Systeme gibt. Entscheidend ist aber nicht die Sprache, sondern wie mit Hilfe der Sprache die Aufmerksamkeit auf die Form der Beobachtung gelenkt wird. Der Unterschied zu Baecker besteht darin, dass er sich nur auf die Beobachtung der Selbstreferenz der Unterscheidung kapriziert hat. Er kann nur feststellen, dass beobachtet wird. Entsprechend paradox bzw. tautologisch fallen seine Aussagen aus. Ein weiterer Hinweis, dass er an die Grenzen seiner Sprache und damit an die Grenzen des für ihn Sagbaren gestoßen ist. 

Das mag auf den ersten Blick ziemlich sarkastisch klingen. Im Kontext von Wittgensteins Tractatus ist das aber die notwendige Konsequenz und ist daher wörtlich zu verstehen. Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen des Sagbaren. Eine der Leistungen wissenschaftlicher Arbeit besteht darin diese Grenzen immer weiter hinauszuschieben und die Möglichkeiten des Sagbaren zu erweitern. Doch Sprache begrenzt nicht nur das Sagbare, sondern auch die Möglichkeiten dessen, worauf man seine Aufmerksamkeit richten kann. Die Grenzen des Sagbaren sind zugleich die Grenzen des Bezeichenbaren. Und die Grenzen des Bezeichenbaren sind die Grenzen des Unterscheidbaren. Eine der wichtigsten Sachverhalte, auf die Luhmann immer wieder hingewiesen hat, ist, dass die Formen der Beobachtung auch das Beobachtbare begrenzen oder erweitern. Oder anders ausgedrückt, die Formen der Aufmerksamkeitsfokussierung begrenzen auch das Wahrnehmbare und Beobachtbare. Sprachen sind Mittel, die Aufmerksamkeit auf etwas zu richten. Eine Beobachtungsform, die sich nur auf die Selbstreferenz der Unterscheidung fokussiert, begrenzt in starkem Maße die Möglichkeiten des Beobachtbaren, wenn dabei völlig unbeachtet bleibt, was beobachtet wird. Es entsteht eine Welt der Objekte, die so sind, wie sie sind. Das ändert sich auch nicht, wenn man alle Objekte negiert. Dann entsteht nur eine gespiegelte Welt der Nicht-Objekte. Die informationelle Offenheit und die Irritierbarkeit des beobachtenden Systems geht dabei verloren. Dieses Problem wird eine lyrische Soziologie vermutlich nicht lösen können [3].

Ich versuche dagegen zu beobachten, wie es mit Hilfe eines sozialen Systems gelingt die Aufmerksamkeit der beteiligten Personen auf ein gemeinsames Zentrum zu fokussieren, um dadurch das Erleben und Handeln dieser Personen in Bezug auf dieses gemeinsame Zentrum zu koordinieren. Das Bezeichnen der Phänomene im Sinne von hinweisen oder indizieren reicht dafür nicht aus. Dies gelingt nur über die Entfaltung der Paradoxie der Form durch eine eigene Beschreibung bzw. Darstellung dieser Umwelt [4]. Die relevante Umwelt wird auf diese Weise mit eigenen Mitteln konstruiert. Informationelle Offenheit wird durch Erwartungsbildung hergestellt und der Sprachapparat bleibt durch den immer möglichen Abgleich mit dem beobachteten Phänomen irritierbar. Durch das spezifisch systemtheoretische Prozessieren der System-Umwelt-Unterscheidung bzw. der Unterscheidung von Erleben/psychische Systeme und Handeln/soziales System werden dann die Unterschiede konstruiert, die soziologisch einen Unterschied machen. Erst wenn man Beobachten nicht nur als unterscheidendes Bezeichnen versteht, sondern zugleich auch als Aufmerksamkeitsfokussierung [5], wird verständlich, dass »sich zeigen« heißt, dass es sich durch die Form seiner Aufmerksamkeitsfokussierung für den jeweiligen Beobachter zeigt, dass es das Beobachtete gibt oder nicht.




[1] So auch in seinem neuesten Text "Complex Systems in Social Theory". Schon der Einstiegssatz "Systems are theory" macht Baeckers Fixierung auf die Selbstreferenz der Systemtheorie deutlich. 
[2] Luhmanns Unterscheidung von Objekten und Begriffen entspricht Wittgensteins Unterscheidung von Sachverhalten und Gegenständen bzw. Dingen. In beiden Fällen ist die Einheit der Unterscheidung die Dekomponierbarkeit. Begriffe oder Sachverhalte können weiter zerlegt, dekomponiert oder dekonstruiert werden. Objekte oder Dinge können dagegen nicht weiter dekomponiert werden. Sie können nur bezeichnet und negiert werden. Das Objekt oder Ding ist aber nicht das Bezeichnete, sondern das, was durch diese Form der Beobachtung für den Beobachter als imaginärer Wert in Erscheinung tritt. Durch Wiederholung der Bezeichnung wird jedoch der imaginäre Wert redundant. Es kommen keine weiteren Unterschiede durch das Wiederholen hinzu. Dies gilt auch für das Negieren. Durch die reine Negation des imaginären Werts entsteht ein Nicht-Wert. Der imaginäre Wert bleibt in seinem Sinngehalt unverändert. Die Negation fügt lediglich eine Scheininformation hinzu. Die Beziehung zwischen Wert und Nicht-Wert wird auch redundant. Wert und Nicht-Wert sind in der Form identisch. D. h. sie machen keinen Unterscheid, der einen Unterscheid macht. An diesem Punkt macht sich schließlich die Selbstreferenz der Unterscheidung bemerkbar. 
[3] Es ist wohl kein Zufall, dass Baecker als Beispiel für diese lyrische Soziologie „Klage“ von Rainald Goetz anführt. Dabei handelt es sich um ein Sammelsurium psychotischer Beobachtungen – und das ist noch nett formuliert –, was im Anbetracht des Entstehungskontextes auch nicht weiter verwunderlich ist (siehe dazu hier). Es versinkt in typisch postmoderner Manier in reiner Subjektivität. Einen Hinweis auf ein soziologisches Gespür des Autors konnte ich nicht im Ansatz erkennen. Als Kunstform mag das seine Berechtigung haben, denn in der Kunst geht es im Prinzip um die Anschlussfähigkeit des subjektiven Ausdrucks. Wissenschaftlich ist solch eine Beobachtungsform jedoch völlig wertlos, eben weil durch die radikale Subjektivierung die Beobachtungsergebnisse jeglicher Nachvollziehbarkeit beraubt werden. Gerade das macht Kunstwerke zu einer fabelhaften Projektionsfläche für das Publikum und deswegen fühlen sich Künstler vermutlich so häufig missverstanden. Dass wissenschaftliche Beobachtungen es sich nicht leisten können eine ebenso große Offenheit für die Imagination des Publikums zu bieten, sollte sich eigentlich von selbst verstehen. 
[4] Zur Notwendigkeit einer eigenen Beschreibung der menschlichen Umwelt ausführlicher mein Text „Das Unbehagen an der Systemtheorie“.
[5] Dazu ausführlich mein Text "Die Beobachtung der Beobachtung".


Literatur
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (1992): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Luhmann, Niklas (1993): Die Paradoxie der Form. In: ders: Aufsätze und Reden. Reclam Stuttgart. S. 243 – 261
Spencer-Brown, George (1997 [1969]): Laws Of Form. Gesetze der Form. Bohmeier Verlag Lübeck
Wittgenstein, Ludwig (2003 [1922]): Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

Kommentare:

  1. Mir fehlt eigentlich die Kompetenz hier einen Kommentar abzugeben (ich kenne mich mit Systemtheorie nicht aus), aber ich versuchs trotzdem mal, im Zweifel kannst du ihn ja einfach löschen.

    Kann es sein, dass Baecker mit "Es gibt keine sozialen Systeme" nicht von der Nichtexistenz von etwas spricht, sondern nur meint, dass man auf den Begriff des sozialen Systems verzichten könne? Wenn man diesen Begriff zum Beispiel auf einfachere, grundlegendere Begriffe reduziert, dann kann man auf den Begriff des Sozialen Systems zumindest prinzipiell verzichten ohne auf die Systemtheorie zu verzichten. Das kann man als Vorteil sehen, wenn man der nicht ganz unüblichen Auffassung folgt, dass die Axiome (Grundbegriffe) einer Theorie möglichst einfach sein sollten.

    Im dritten Absatz scheint mir deine Interpretation Baeckers auch in diese Richtung zu gehen. Aber später schreibst du wieder von der Existenz von Sachverhalten und Objekten. Wie passt das zusammen?

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  2. Antworten
    1. Ja, Baeckers Vorschlag besteht zunächst nur darin einen Begriff durch einen anderen zu ersetzen – soziales System durch Komplexität. Wie bereits geschrieben, kann man machen. Was ich kritisiere, ist der fehlende Umweltbezug dieser Begriffe. Sie bezeichnen nichts mehr. Hier bin ich ein Anhänger der klassischen Zeichentheorie. Ein Zeichen verweist auf etwas, was nicht es selbst ist. Luhmann argumentiert genauso wenn er in „Soziale Systeme“ schreibt:

      „Selbstverständlich darf man Aussagen nicht mit ihren eigenen Gegenständen verwechseln; man muß sich bewußt sein, dass Aussagen nur Aussagen und wissenschaftliche Aussagen nur wissenschaftliche Aussagen sind. Aber sie beziehen sich, jedenfalls in Falle der Systemtheorie, auf die wirkliche Welt.“ (1984, S. 30)

      Diese „wirkliche Welt“ kann man auch als „Umwelt“ bezeichnen, von der sich das beobachtende System, die Systemtheorie, unterscheiden muss. Wenn einem gleich eine Ontologie oder vielleicht noch naiver Realismus unterstellt wird, weil man den Anspruch erhebt Umweltphänomene zu beschreiben, dann kann das Argument nur von einer solipsistischen Position aus formuliert werden. Und insofern liegt die Vermutung nahe, dass es nicht nur darum geht, einen Begriff durch einen anderen zu ersetzen, sondern Baeckers Kritik an Luhmann bezieht sich auf die Annahme der Existenz von Phänomenen außerhalb der eigenen psychischen Systemgrenzen.

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    2. Zur zweiten Frage: Ja, ich verwende die Begriffe "Objekt" oder "Sachverhalt". Entscheidend ist doch aber nicht, DASS ich die Begriffe verwende, sondern WIE. Und das Wie ist entscheidend, damit man versteht, wie das zusammenpasst.

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