Mittwoch, 31. Dezember 2014

Zeit und Leben


Zum Abschluss des Jahres gibt es noch ein kurzes Fragment, zu dem ich am 24.12.2014 durch die Lektüre eines Artikels zum Thema Beschleunigung inspiriert wurde. Thematisch passt es allerdings besser zum Jahreswechsel, denn dann tritt verstärkt der Fortgang der Zeit ins Bewusstsein und man wird zugleich  Stichwort »gute Vorsätze«  mit seinen eigenen erfüllten und/oder unerfüllten Ambitionen konfrontiert.

Das Fragment darf gerne als kleine Gegenrede auf die Thesen des Entschleunigungsgurus Hartmut Rosa gelesen werden. Das Problem seiner Kritik der modernen Zeitverhältnisse besteht darin, dass er ein Problem der individuellen Lebensführung, nämlich wie kriegt man alle sich bietenden Möglichkeiten unter einen Hut – also ein Organisationsproblem –, als gesamtgesellschaftliches Problem formuliert. Rosa sitzt also mit seiner Beschleunigungskritik einem klassischen Kategorienfehler auf, denn er verwechselt persönliche Probleme mit gesamtgesellschaftlichen Problemen.

Je mehr Möglichkeiten sich einem bieten, desto strenger muss die Organisation der Lebensführung sein, wenn man viele davon wahrnehmen will. Versucht man das, wird der Terminplan immer voller und voller, ein Termin reiht sich an den nächsten und die Zeit vergeht wie im Fluge. Damit möchte ich aber nicht für mehr Beschleunigung argumentieren. Das ist einfach das, was passiert, wenn man viel zu tun hat. Versteht man das Beschleunigungsproblem als Organisationsproblem der individuellen Lebensführung geht es nicht um die Entscheidung entweder Beschleunigung oder Entschleunigung, sondern man hat es selbst in der Hand, wie man sein eigenes Leben mit Möglichkeiten für Aktivität und Erholung ausgestaltet. Ob man das Ergebnis als gutes Leben bezeichnen kann, muss jeder für sich selbst beantworten, denn heute versteht unter gutem Leben jeder etwas anderes. Wenn die Antwort »nein« sein sollte, dann wäre es an der Zeit seine Lebensführung zu ändern und nicht die Gesellschaft für die eigene Unfähigkeit, seine Lebensführung zu ändern, verantwortlich zu machen.

Jetzt ist die Einleitung schon länger geworden als das Fragment. Deswegen höre ich an dieser Stelle auf. Vielleicht in der Zukunft mehr zum Thema. Hier nun das Fragment:

Die Zeit, die man glaubt zu haben, schrumpft mit der Anzahl der Möglichkeiten, von denen man glaubt, dass sie einem offen stehen. Solange man das Gefühl hat, dass die Zeit knapp ist, weiß man, dass man noch nicht alle Möglichkeiten, die sich einem bieten, genutzt hat. Dieses Gefühl gibt zugleich die Sicherheit, dass es sich lohnt zu leben. Nutze die Zeit weise, damit Du am Ende das Gefühl haben kannst, dass es sich gelohnt hat zu leben. Denn am Ende gibt es nur noch eine Möglichkeit. Auf diese Möglichkeit sollte man nicht warten müssen, denn für sie lohnt es sich nicht zu leben.

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch ins Jahr 2015 oder wahlweise ein gesundes neues Jahr 2015. Und nicht vergessen, Leben ist das, was Ihr daraus macht, und nicht das, was andere Euch erzählen, wie es sein sollte.


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