Mittwoch, 3. Februar 2016

Ironie der deutschen Geschichte



Eine kritisch-aggressive Haltung ohne reale Substanz eines Gegners schlägt fast automatisch in einen Herrschaftsanspruch um, der von der Illusion und der künstlichen Erzeugung der alten Gegnerschaft lebt.
Helmut Schelsky


Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Nationalsozialismus. Alle guten Mächte in Deutschland haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet.

Diesen Eindruck kann man zumindest bekommen, wenn man sich die Diskussion über die Flüchtlingskrise und die Vorfälle vor dem Kölner Dom in der Silvesternacht anschaut. Sie erinnert an eine Geisterjagd, denn es ging dabei nicht um Flüchtlinge, sondern um Deutschland. Demnach gilt es, ankommende Flüchtlinge vor dem »dunklen« Deutschland zu beschützen. Dieses »dunkle« Deutschland steht für Rassismus und Gewalttätigkeit. Das ist es auch, was heute im Wesentlichen mit dem Nationalsozialismus assoziiert wird. Ideologische Feinheiten spielen schon längst keine Rolle mehr. Alles, was auch nur im Ansatz rassistisch, nationalistisch, autoritär oder gewaltbereit erscheint, wird heute in Deutschland sofort in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt. Ob die Befürchtung berechtigt ist oder nicht, spielt keine Rolle. Was zählt, ist das Gefühl, dass es so sein könnte. Es herrscht ein gefühliger Generalverdacht.


Es werden wieder Sündenböcke gesucht

Obgleich es auch heute noch Personen gibt, die Hitlers Nationalsozialismus für ein politisches Programm halten, handelt es sich bei diesen Personen nur um eine marginale Randgruppe, aber nicht um eine ernstzunehmende politische Bewegung. Trotzdem wurde die Euphorie um die ankommenden Flüchtlinge von einer geradezu hysterischen Angst vor einem neu heraufziehenden Nationalsozialismus begleitet. Diese äußert sich bis heute darin, dass jede noch so berechtigte Kritik an der aktuellen Einwanderungs- und Asylpolitik als rassistisch, rechts oder gar rechtsextrem diffamiert wird. Eine selbstgerechte Mehrheit hat sich eine kleine unbedeutende Minderheit gesucht, die als Sündenbock herhalten muss. Auf diese Weise wurde der Popanz des »dunklen« Deutschlands aufgebaut, den das »helle« Deutschland zu bekämpfen versucht.

Wenn Menschen eine Situation für real halten, ist sie gemäß dem Thomas-Theorem auch in ihren Konsequenzen real. So wurde durch das bemühte Schattenboxen des »hellen« Deutschlands das Gespenst des Nationalsozialismus erst wieder heraufbeschworen. Im Anbetracht der Marginalität des Gegners konnte man den Eindruck gewinnen, dass es sich bei dieser Hysterie um das Ergebnis einer Projektion handelt. Die schlechten Seiten der eigenen Identität werden auf die Umwelt projiziert. Zugleich wird versucht das mit Rassismus und Gewalttätigkeit assoziierte Deutschlandbild durch bedingungslose Hilfsbereitschaft und Pazifismus zu überspielen. Dabei ist es mehr als unwahrscheinlich, dass das Ausland dieses negative Bild von Deutschland teilt. Immerhin sind rechte Bewegungen und Parteien in anderen Ländern viel größer als in Deutschland. Was dabei herauskommt, wenn man sich an solch einem starken Feindbild, wie dem Nationalsozialismus, abarbeitet, ist auch nicht der Gegenentwurf zum Nationalsozialismus, sondern nur eine alternative, eine neue, eine nette Form des Nationalsozialismus.


Varianten des Kollektivismus

Hitlers Nationalsozialismus war exklusiv und politisch. Aus dem zugrunde liegenden Rassismus wurde die Legitimation für eine politische Diskriminierung aller abgeleitet, die nicht zur arischen Rasse gezählt wurden. Diese Diskriminierung reichte von symbolischer bis zu physischer Gewalt. Der Endpunkt stellte die physische Vernichtung der Juden im industriellen Maßstab dar. In diesem Sinne war der alte Nationalsozialismus politisch (vgl. Schmitt 2009 [1932]). Gewalt gegen andere war ein selbstverständliches Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen. Dem gegenüber ist der neue Nationalsozialismus inklusiv und unpolitisch. Er zeichnet sich durch eine selbstvergessene Anerkennungsbereitschaft aus, wie sie sich in der Flüchtlingskrise zeigte. Unpolitisch ist er, weil er jegliche Gewalt ablehnt. Dieser Verzicht auf jeglichen politischen Anspruch wird durch eine Hilfsbereitschaft kompensiert, die bis zur Selbstaufgabe reicht. Während die alten Nationalsozialisten die nationale Identität bedingungslos bejahten und alles Fremde ablehnten, lehnen die neuen Nationalsozialisten die nationale Identität ebenso bedingungslos ab und bejahen dagegen alles Fremde, ohne zu berücksichtigen, worin diese Fremdheit eigentlich besteht.

Der neue Nationalsozialismus ist damit nur eine Variante des alten Nationalsozialismus – bloß mit umgekehrten Vorzeichen. Warum auch dann noch die Rede von Nationalsozialismus berechtigt ist, zeigt sich wenn man seine Aufmerksamkeit auf die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Varianten richtet. Eine Gemeinsamkeit zeigt sich in der Bedingungslosigkeit, mit der versucht wird, jeweils den obersten ideologischen Wert zu realisieren. Das ist es, was Radikalität ausmacht. Darüber hinaus argumentieren beide Varianten kollektivistisch. Kollektivistische Ideologien stellen die Gemeinschaft (vgl. Tönnies 1887) immer über den einzelnen Menschen. Die Freiheit des Einzelnen kommt dort an die Grenze, wo die Identität der Gemeinschaft bedroht wird. In diesem Sinne sind Faschismus, Kommunismus und Sozialismus kollektivistische Ideologien. Sie sind nur Variationen derselben Grundidee. Lediglich die Merkmale zur Bestimmung der Identität des Kollektivs unterscheiden sich. 

Während die verschiedenen Formen des Faschismus die Zugehörigkeit der Anhänger mit Hilfe der biologischen oder geographischen Herkunft bestimmten, verzichteten der Kommunismus und der Sozialismus – mit Ausnahme des Nationalsozialismus – auf eine Grenzziehung und gingen davon aus, dass alle Menschen vernunftbegabt sind (vgl. Plessner 2002 [1924], S. 42ff.). In beiden Fällen sind das Eigene als auch das Fremde bloß abstrakte Ideale, die aus einer sehr selektiven Beachtung der vielfältigen Facetten des menschlichen Verhaltens gewonnen wurden. Diese Ideale machen es einerseits umso schwerer Menschen als Individuen zu betrachten, erleichtert es andererseits sie als Masse zu sehen. Aus heutiger Sicht muss man wohl genauer sagen, sie betrachteten die Menschen als politische Verfügungsmasse. 

All diese Ideologien hatten die Weltherrschaft zum Ziel. Während der alte Nationalsozialismus versuchte durch die physische Vernichtung aller anderen Gruppen und Kollektive die Menschheit zu bilden, setzten die linken Ideologien auf Überzeugung, um alle Menschen zu einem Kollektiv zu vereinen. Es gilt lediglich, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie Hilfe benötigen, um die gesellschaftlichen Beschränkungen abzuschaffen, von denen sie sich nicht selbst befreien können. Faschisten behaupten ihre eigene Überlegenheit in der Rolle des Aggressors oder Herrschers, die Linken behaupten ihre eigene Überlegenheit dagegen in der Rolle des Helfers oder Therapeuten. In der praktischen Umsetzung wurden die linken Ideologien jedoch genauso politisch, weil die Annahme, dass alle Menschen vernünftig sind und sich deswegen überzeugen lassen, immer wieder enttäuscht wurde.


Die leere deutsche Identität

Der neue Nationalsozialismus ist aus den linken Ideologien hervorgegangen. Er hat allerdings aus den Fehlern seiner Vorläufer gelernt und verzichtet heute auf jegliches Unterscheidungsmerkmal, um Menschen voneinander zu unterscheiden. Er gibt sich unreflektiert der Illusion hin, dass alle Menschen gleich sind. Auf diese Weise wird eine weltumspannende Gemeinschaft imaginiert, die sich im Kampf gegen soziale Unterschiede wähnt. Jegliche Differenz zwischen Menschen wird abgelehnt. Die Vorläufer hatten sich noch die Mühe gemacht die Gleichheit oder Ungleichheit zwischen den Menschen zu begründen – wie überzeugend das aus heutiger Sicht auch immer erscheinen mag. Heute begnügt man sich mit der moralischen Verdammung der Personen, die aus dieser Perspektive unerwünschtes Verhalten zeigen. 

Gerade der Verzicht auf jegliche positive Bestimmung des Menschseins entschärft den netten Nationalsozialismus und lässt ihn unpolitisch werden, denn ohne einen Unterschied muss niemand akzeptiert oder abgelehnt werden. Unterschiedsloses Erleben bleibt jedoch ohne praktische Konsequenzen. Man ist zur Passivität verdammt, da jegliches Handeln bereits Differenzen zwischen den Menschen schafft. Die eigene Identität lässt sich dann nur noch negativ durch Nichts-Tun, durch Unterlassen oder durch Verzicht bestimmen. Dadurch entsteht eine leere Identität. Wer seine eigene Position in der Welt jedoch nicht positiv bestimmen kann, der hat keine. Die Identität wird nur behauptet, ohne sich beweisen zu müssen. Sie dient nur als Maßstab für andere, aber nicht als Maßstab für den eigenen Anspruch. So entzieht man sich jeglicher Kritik. Ohne Maßstab, an dem das eigene Handeln gemessen werden kann, ist aber nur ein maßloses Handeln möglich. 

Hängt man einem solch negativen Selbstverständnis an, werden die äußeren Umstände nur noch als Naturgewalten wahrgenommen, denen man macht- und hilflos ausgeliefert ist. Sie bekommen eine gleichsam göttliche Qualität, der man sich aufgrund ihrer Übermacht nur ergeben kann. Man macht sich zum Spielball fremder Mächte. Widerstand ist zwecklos. Dies hat man eindrucksvoll beim politischen Umgang mit der Flüchtlingskrise gesehen. Politik erschöpft sich mit solch einer Vorstellung von der Welt, in die man sich geworfen sieht, in Seelsorge und Durchhalteparolen. Die so herbeigeführte Selbstlähmung muss jedoch irgendwie kompensiert werden. Die Kompensation ist der Kampf gegen den Unterschied. Dieser Kampf kann sich praktisch gegen alle richten, die es anders sehen.


Verkehrtes Deutschland

Die Jagd auf den alten Nationalsozialismus hat in Deutschland nicht erst mit der Flüchtlingskrise begonnen. Unter Labels wie »Antifaschismus« oder »Kampf gegen rechts« wird diese Geisterjagd bereits seit Jahrzehnten veranstaltet. Mit der Flüchtlingskrise bekam die Jagd lediglich wieder eine höhere Intensität. Diese neue Variante des Nationalsozialismus hat sich gebildet, indem sie sich negativ bestimmt über das, was sie nicht ist  der alte NationalsozialismusDas Fremde, das Andere wurde als neues Eigenes angenommen ohne zu berücksichtigen, worin das Andere besteht. Man hat sich einfach naiv mit den erklärten Feinden des alten Nationalsozialismus identifiziert. Dabei waren und sind nicht alle Feinde dieses Nationalsozialismus notwendigerweise Freunde der offenen Gesellschaft, wie z. B. der Kommunismus gezeigt hat. Da sich die neue Variante des Nationalsozialismus praktisch allerdings auch nur im Rahmen nationaler Grenzen realisieren kann, muss sie zwangläufig irgendwann national argumentieren. Der nationale Bezug wurde schon mit der Rede vom »hellen« Deutschland hergestellt – auch wenn dabei Deutschland mit der ganzen Welt verwechselt wurde. Obwohl man den alten deutschen Nationalsozialismus ablehnte, wurde er doch als Orientierung benutzt, um das »helle« Deutschland zu bestimmten. So wurde das vermeintlich Nicht-Deutsche zum Merkmal des »hellen« Deutschlands umgedeutet.  

Die Umdeutung vollzog sich jedoch weitest gehend ideologiefrei und setzte stattdessen auf das Bedürfnis vieler Menschen nach Anerkennung. Wer Hilfe benötigt hat die bedingungslose Anerkennung der netten Nationalsozialisten verdient. Durch die Hilfe bekommt auch der Helfer das Gefühl gebraucht zu werden. Wenn man sonst keine Möglichkeit für sich sieht, Beachtung und Anerkennung zu finden, wird es verführerisch diese asymmetrische Rollenverteilung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigen in ein dauerhaftes Abhängigkeitsverhältnis zu verwandeln. Damit soll nicht gesagt sein, dass dies das heimliche Ziel der aktuellen Willkommenskultur ist. Gleichwohl besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Großteil der Flüchtlinge über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte finanziell vom deutschen Sozialstaat abhängig sein wird. Entscheidend ist nicht die Absicht. Denkt man vom Ende her, so ist die Wirkung ausschlaggebend. In anderen Ländern würde die derzeitige deutsche Einwanderungs- und Asylpolitik für jeden Politiker, der sie mit zu verantworten hätte, den politischen Selbstmord bedeuten. Berauscht vom eigenen Wohlstand, den viele nur noch als Überfluss, den man bedenkenlos weggeben kann, erleben, haben viele Deutschen vergessen, dass sich Menschen auch selbst helfen können. Dass diese Politik die Bedingungen des eigenen Wohlstands gefährden kann, wird gar nicht mehr gesehen.

Das Andere, von dem das alte Deutschlandbild unterschieden werden soll, ist damit nicht das Fremde, sondern Hilfsbedürftigkeit. Die leere deutsche Identität wird durch bedingungslose Hilfsbereitschaft gefüllt und alle anderen Menschen zu Hilfsbedürftigen degradiert – egal ob sie Hilfe brauchen oder nicht. Das unschuldige Opfer ist zu einem Fetisch vieler Deutschen geworden. Sie hoffen durch die bedingungslose Hilfsbereitschaft die historische Schuld der Deutschen abtragen zu können. Die Wirklichkeit hat sich diesem unbedingten Bedürfnis zu Helfen unterzuordnen. Tut sie das nicht, wird sie selbst zu einer Pathologie.


Koalition gegen die Wirklichkeit

Deswegen wird auch diese nette, unpolitische Variante des Nationalsozialismus in ihren praktischen Konsequenzen irgendwann ebenso exklusiv und gewalttätig. Jeder, der dieses »helle« Deutschlandbild nicht teilt, wird diskriminiert, weil ihm unterstellt wird, dass er das gegenteilige, »dunkle« Deutschlandbild vertritt. Wer nicht helfen will, kann in dieser Sichtweise nur schlecht und niederträchtig sein. Die Intensität, in der sich diese verbale Diskriminierung gegenwärtig zeigt, zeugt von einer weit fortgeschrittenen Eskalation dieses lange schwelenden Konflikts. Sie entspringt dem Unverständnis der Hilfsbereiten, dass es Menschen gibt, die anderen Menschen nicht helfen wollen – ungeachtet welche Gründe sie dafür haben. Die Wahrscheinlichkeit für gewaltsame Auseinandersetzungen ist massiv gestiegen. Die radikalsten Vertreter beider Sichtweisen liefern sich bereits wieder Straßenschlachten. Doch so wichtig es auch ist, solchen menschenverachtenden Ideologien zu widersprechen, zeigt sich in der Form, wie dies geschieht, eine beunruhigende historische Kontinuität.

Diese Kontinuität besteht nicht in dem »dunklen« Deutschland, sondern in der Form, wie das »helle« und »dunkle« Deutschland miteinander umgehen – ablehnend und diskriminierend. Das gilt nicht nur für die extremsten Auswüchse, sondern auch für die moderatesten Varianten, die im deutschen Bundestag sitzen. Deutschland befindet sich fest im Klammergriff dieser zwei sich wechselseitig ablehnenden Lager. Der Streit zwischen ihnen strukturiert als Unterschied zwischen Rechts und Links jede politische Diskussion in Deutschland. Dieser Streit dreht sich aber nicht um die Lösung der Probleme, von denen die Bevölkerung betroffen ist, sondern nur noch um die Machtfrage. Als politische Konkurrenten ziehen beide Lager die Begründung für ihre eigene Existenz nur noch aus der Existenz ihres Gegners. Wenn man bestimmte Sachen, von denen man weiß, dass sie richtig sind, nicht mehr sagt, weil es den politischen Kontrahenten in die Hände spielen könnte, dann hat das nichts mehr mit Politik zu tun. Man schadet sich lieber selbst, als das man dem Kontrahenten auch nur ein einziges Zugeständnis macht. Unter politischen Gesichtspunkten könnte man das noch als ideologische Verbohrtheit betrachten. Im Alltag würde man so ein Verhalten als reine Gehässigkeit wahrnehmen. Damit ist treffender das Niveau charakterisiert, auf dem sich die politischen Debatten in Deutschland derzeit abspielen.

Doch auch wenn sie sich ablehnend gegenüberstehen, können die beiden Kontrahenten nicht aufeinander verzichten. Würde ein Lager verschwinden, würde das andere folgen. Sie sind auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen. Durch ihren Streit bilden sie eine unausgesprochene, große Koalition gegen die Wirklichkeit. Ein großer Teil der deutschen Bürger hat sich in den unterhaltsamen Bann dieses psychotischen Schauspiels ziehen lassen und engagieren sich willfährig für eines der beiden Lager. Die Wirklichkeit spielt nur noch insofern eine Rolle als dass sie entweder als Steinbruch dient, aus dem man einen anklagenden Vorwurf an den Gegner ableiten kann, oder sie wird wahlweise relativiert, zerredet oder weg gealbert. Dadurch gibt es keinen demokratischen Streit über die Wirklichkeit mehr, sondern nur noch die Wirklichkeit des Streits. Die Auseinandersetzung dreht sich letztlich nicht um die Frage, was ist deutsch, sondern lediglich um die Frage, wer ist deutschDies hat zu einer unablässigen Beschäftigung der beiden Lager mit sich selbst geführt. 


Ironie der Geschichte

In Deutschland zeigt sich gegenwärtig, wie real die Konsequenzen sein können, solange Menschen eine Situation als real definieren – auch wenn die Konsequenzen nicht so ausfallen, wie das die Betroffenen erwartet haben. Nicht nur, dass der alte Nationalsozialismus durch den illusionären Kampf gegen ihn erst wieder auferstanden ist. Darüberhinaus wurden seine diskriminierenden Kommunikationsformen übernommen und bloß mit anderen Inhalten gefüllt. Die Ironie ist, dass ein großer Teil der Deutschen dadurch das geworden ist, was sie am meisten verabscheuen

Durch die Erinnerung, durch den Blick zurück in die Vergangenheit sind viele Deutsche gleichsam zur Salzsäule erstarrt. Befangen von der Vergangenheit haben sie nicht erkannt, dass sie längst nicht mehr gegen die Schatten der Vergangenheit kämpfen, sondern gegen ihre eigenen Schatten. Die Jagd gilt keinem realen äußeren Feind, sondern dem inneren Feind in Form der eigenen verdrängten Vorurteile – gegen wen auch immer. Es geht gar nicht um ein bestimmtes Ressentiment, was bekämpft werden soll. Man kann vielmehr den Eindruck bekommen, dass die neuen Nationalsozialisten ein Ressentiment gegen jegliche Personen mit Ressentiments ausgebildet haben - also ein Ressentiment gegen Ressentiments. Aber auch ein Ressentiment gegen Ressentiments bleibt ein Ressentiment und macht daraus noch keine gerechte Sache.

Das Tragische daran ist, dass die neuen Nationalsozialisten aus dem Bedürfnis nach Anerkennung heraus versuchen gottgleich die ganze Welt zu lieben. Sie sind jedoch unfähig sich selbst zu lieben. Das, was sie an sich selbst nicht lieben können, erkennen sie immer nur in ihrem Gegner. Um sich selbst lieben zu können, müssten sie zunächst anerkennen, dass sie selbst dieselben Verhaltensweisen an den Tag legen, die sie an ihrem Gegner kritisieren. Diesen Moment der negativen Selbsterkenntnis gälte es auszuhalten. Anstatt an der eigenen Schuld zu zerbrechen, müssten sie sich dann selbst vergeben

Der Umgang mit der historischen Schuld Deutschlands hat jedoch schon stark religiöse Züge angenommen. Sie ist mit einem Tabu belegt. Jeder Einspruch dagegen wäre ein Sakrileg und würde heftige Abwehrreaktionen hervorrufen. Unter dieser Voraussetzung stehen die Chancen für Vergebung extrem schlecht. Ohne die Überwindung dieser Hürde lässt sich auch nichts aus der Geschichte lernen. Eine der Lehren bestünde darin, dass man nicht besser als sein Gegner ist, wenn man dieselben Mittel zur Konfliktaustragung anwendet wie er. Solange die netten Nationalsozialisten sich nicht von der Vergangenheit befreien können, steht zu befürchten, dass die heilige Hetzjagd sich noch lange Zeit fortsetzen und steigern wird. Das wäre weiteres Öl ins Feuer des bereits lodernden Konflikts zwischen den beiden Varianten des Nationalsozialismus. 

Eine weitere Lehre aus den derzeitigen politischen Debatten in Deutschland lautet daher, dass man sich an dem Konflikt zwischen Rechts und Links lieber nicht beteiligen sollte. Das bedeutet auch, sich von jeglicher Form des Kollektivismus zu verabschieden. Aktuell wird sich nämlich nur um die Legitimationsgrundlage für das von beiden Seiten präferierte kollektivistische Gesellschaftsmodell gestritten. Beide nehmen Menschen nicht als Personen wahr, sondern bloß als ideologisch verzerrte Klischees.


Die historische Konstante

„Aber was heißt das schon, verrückt? Ein juristischer Terminus. Was meine ich damit? Ich fühle es, sehe es, doch was steckt dahinter?
Er dachte: Es ist das, was sie tun, was sie sind. Etwas, das in ihrem Unbewussten liegt. Ihr mangelndes Verständnis für andere. Sie sind sich dessen, was sie anderen antun, der Zerstörungen, die sie bewirkt haben und weiterhin bewirken, nicht bewusst. Nein, dachte er dann. Das ist es nicht. Ich weiß es nicht; ich spüre es intuitiv. Aber – sind sie vorsätzlich grausam … Ist es das? Nein. Herrgott nochmal! Ich komme einfach nicht dahinter. Blenden sie Teile der Realität aus? Ja. Aber das ist es nicht allein. […]
Ihre Weltsicht – die ist komisch. Sie sehen nicht den einzelnen Menschen, das einzelne Kind, sondern immer nur Abstraktionen: Rasse. Land. Volk. Blut. Boden. Ehre. Keine ehrenhaften Menschen, sondern die Ehre an sich; die Abstraktion ist wirklich, das Faktische sehen sie nicht. Die Güte, aber keine guten Menschen, nicht den einzelnen Guten.“ (Dick 2015 [1962], S. 47; Hervorhebung im Original) 

„Sie wollen Objekt, nicht Subjekt der Geschichte sein. Sie identifizieren sich mit der Macht Gottes und halten sich für gottähnlich. Das ist die Grundlage ihres Wahnsinns. Sie lassen sich alle vom gleichen Archetypus leiten; ihre Egos haben sich psychotisch ausgedehnt, so dass sie nicht mehr unterscheiden können, wo das Göttliche anfängt und wo es aufhört. Das ist keine Hybris, kein Stolz, sondern die Aufblähung des Egos bis zum Äußersten – für sie sind der, welcher anbetet, und der, welcher angebetet wird, ein und dasselbe. Der Mensch hat nicht Gott verschlungen; Gott hat den Menschen verschlungen.“ (Dick 2015 [1962], S. 48)

Diese Passagen finden sich in Philip K. Dicks Roman »The Man In The High Castle« (dt. Titel »Das Orakel vom Berge«). Er handelt von einem alternativen Ausgang des Zweiten Weltkriegs, bei dem die Achsenmächte Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen und Nordamerika unter sich aufgeteilt haben. Eine der Figuren sinniert in diesen Auszügen über den nationalsozialistischen Geist. Der Roman ist bereits 1962 erschienen. Es ist verblüffend und beunruhigend zugleich, wie gut die Passagen das Denken und Handeln der neuen Nationalsozialisten in der Flüchtlingskrise beschreiben. Sie machen vor allem deutlich, dass die historische Konstante nicht in bestimmen Inhalten liegt. Die Konstante ist vielmehr eine Form des Denkens und Handelns, die vielfältige Varianten annehmen kann. Die Inhalte sind austauschbar, die Form bleibt gleich. 

Zwei dieser Formen haben sich in Deutschland durch ihre Feindschaft ineinander verklammert und kommen nicht mehr voneinander los. Hat man sich erst einmal auf diesen Konflikt eingelassen und ist von der Legitimität der Feindschaft überzeugt, fällt es schwer noch die Gemeinsamkeiten mit dem Feind zu erkennen. Die realen Konsequenzen der gemeinsamen Form des Erlebens und Handelns treten in der unpolitischen Variante schleichend ein und sind weniger augenfällig als in der politischen Variante. Der alte Nationalsozialismus wurde relativ schnell politisch besiegt, die kommunistischen Regime dagegen sehr langsam wirtschaftlich. In beiden Fällen waren die Konsequenzen für die betroffenen Gesellschaften am Ende destruktiv. Auch der neue Nationalsozialismus droht sich wirtschaftlich völlig zu übernehmen, um der Welt seine Hilfsbereitschaft unter Beweis zu stellen. 
  




Literatur
Dick, Philip K. (2015 [1962]): Das Orakel vom Berge. 2. Auflage S. Fischer Verlag Frankfurt am Main
Plessner, Helmuth (2002 [1924]): Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Schmitt, Carl (2009 [1932]): Der Begriff des Politischen. 8. Auflage Duncker & Humblot Berlin
Tönnies, Ferdinand (1887): Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen. Fue’s Verlag Leipzig

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen