Sonntag, 19. Oktober 2014

Hat sich die Soziologie in einem double bind verfangen? - Der Vortrag


Am 10.10.2014 haben ich beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in der Ad-Hoc-Gruppe "Krise der Kommunikation: Wo bleibt der soziologische Diskurs?" einen Vortrag mit dem Titel "Hat sich die Soziologie in einem double bind verfangen?" gehalten. Der folgende Text ist das Vortragsmanuskript. Der Mitschnitt des Vortrags kann hier angesehen werden.


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Herzlich Willkommen zu meinem Vortrag „Hat sich die Soziologie in einem double bind verfangen?“. Der Titel ist als Fragestellung formuliert. Aber die Eine oder der Andere wird es schon geahnt haben. Die Frage ist rhetorisch gemeint. Es ist tatsächlich die These dieses Vortrags, dass sich die Soziologie in einem double bind verfangen hat. Sie bezieht sich auf die weitverbreitete Selbstbeschreibung der Soziologie, wonach sie die Gesellschaft zu analysieren und zu verändern beansprucht. Ich werde im Folgenden versuchen zu zeigen, dass diese beiden Ansprüche unter der gesellschaftsstrukturellen Bedingung funktionaler Differenzierung nicht miteinander vereinbar sind und dass darin einer der wichtigsten Gründe für das schlechte Image und den aktuellen Relevanzverlust der Soziologie zu sehen ist.

1. Der double bind

Die double-bind-Theorie stammt von dem Anthropologen und Verhaltensforscher Gregory Bateson [1]. Die Idee hinter dem double bind ist allerdings schon etwas älter. Da wir hier in Trier sind, kann man ruhig darauf hinweisen, dass bereits Karl Marx mit einer ähnlichen Idee gearbeitet hat. Er ging ja davon aus, dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen wird. Diese Idee, dass ein System an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen kann, wurde mit der double-bind-Theorie auf Familien übertragen und beschreibt einen tiefgreifenden Beziehungskonflikt zwischen den Mitgliedern der Familien. Dieser Beziehungskonflikt ergibt sich aus einem bestimmten Interaktionsmuster, bei dem eine der beteiligten Personen eine Verhaltensauffälligkeit zeigt, die als schizophren bezeichnet wird. Dass dieser Beziehungskonflikt überhaupt entstehen kann, liegt u. a. daran, dass den Familienmitgliedern keine gemeinsame Sprache zur Verfügung steht, mit denen sie ihre Beziehung zueinander beschreiben könnten.

Den double bind kann man als einen Widerspruch zwischen dem Inhalts- und dem Beziehungsaspekt einer Mitteilung beschreiben. In der Regel wird der Beziehungsaspekt über den Inhaltsaspekt mit ausgedrückt. Anders formuliert, mit jeder Mitteilung wird implizit auch eine Rollenerwartung an den Adressaten kommuniziert. Das gilt erst recht für explizite Selbstbeschreibungen. Wenn nun die Soziologie den Anspruch erhebt, die Gesellschaft zu beschreiben und zu verändern, weist sie damit also auch ihrem außerwissenschaftlichen Publikum eine Rolle zu. Problematisch wird es, wenn das Publikum sich nicht in die zugewiesene Rolle drängen lässt. Dann kann es der Soziologie auch nicht gelingen Bestätigung für ihre Rolle zu erhalten.

2. Die Theorie funktionaler Differenzierung

Um zu zeigen, dass die Ansprüche, die Gesellschaft zu analysieren und zu verändern, heute unvereinbar sind, möchte ich nun auf die Umweltbedingung eingehen, in der die Soziologie versucht mit dieser Selbstbeschreibung anschlussfähig zu bleiben. Dafür greife ich auf Niklas Luhmanns Theorie funktionaler Differenzierung zurück. Auf dieser Grundlage wird verständlich, warum diese Selbstbeschreibung vom Publikum als falsches Image - im Sinne von Erving Goffmann [2] - wahrgenommen wird.

Die double-bind-Theorie bezieht sich zunächst nur auf Interaktionssysteme. Der große Vorteil der Luhmannschen Systemtheorie liegt darin, dass sie Interaktionstheorie, Organisationstheorie und Gesellschaftstheorie miteinander verbindet. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit die Verbreitung eines bestimmten Kommunikationsmusters, wie das des double binds, über Interaktionssysteme hinaus, wenn es sein muss, bis zur Ebene der Gesamtgesellschaft zu verfolgen. Das Verbindungsstück ist diese Vier-Felder-Matrix: 


Luhmann unterschied damit vier Zurechnungskonstellationen, bei denen es zu Kommunikationsproblemen kommen kann. An diesen Problemstellungen setzen die einzelnen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft mit ihren Lösungen an. Alle Funktionssysteme lassen sich jeweils auf ein bestimmtes soziales Problem zurückführen, das jedoch noch nicht mit der Zurechnungskonstellation identisch ist. Es ist noch eine weitere Präzisierung notwendig. Am präzisesten lassen sich die einzelnen Bezugsprobleme der Funktionssysteme anhand einer Interaktionssituation beschreiben. Aufgrund der Kürze der Zeit kann ich nicht auf jedes Bezugsproblem einzeln eingehen [3]. Im Folgenden werde ich nur die beiden sozialen Probleme erläutern, auf die mit den beiden Ansprüchen von Gesellschaftsanalyse und -veränderung Bezug genommen wird.

Für jede Problemkonstellation gilt, die Kommunikation läuft immer von Alter zu Ego bzw. vom Absender zum Adressaten. Entscheidend ist nicht, was der Absender mit seiner Mitteilung gemeint haben könnte, sondern welchen Eindruck die Mitteilung auf den Adressaten macht. Es geht also um die Frage, was kann den Adressaten dazu motivieren ein Kommunikationsangebot anzunehmen oder anzulehnen. Im Fall der Soziologie scheint der Grund für eine hohe Ablehnungswahrscheinlichkeit darin zu liegen, dass die Ansprüche von Gesellschaftsanalyse und –veränderung sich auf verschiedene soziale Probleme beziehen, die unterschiedliche Lösungen erfordern.

2.1 Das Bezugsproblem der Wissenschaft – Alter erlebt -> Ego erlebt

Gesellschaftsanalyse erhebt eindeutig einen wissenschaftlichen Anspruch. Das Bezugsproblem der Wissenschaft besteht darin, dass der Absender sein Erleben mitteilt und die Annahme davon abhängt, ob der Adressat aufgrund der Mitteilung den Eindruck hat genauso zu erleben wie der Absender. Die Annahme wissenschaftlicher Kommunikation gelingt nur über die methodische Überprüfung. Nur wenn der Adressat nachvollziehen kann, warum der Absender etwas so sieht, wie er es sieht, erscheint seine Mitteilung annehmbar. Dafür muss der Absender die Theorien und Methoden explizit mit angegeben, die ihn zu einem bestimmten Forschungsergebnis geführt haben. Die Theorien und Methoden bilden eine Art Anleitung, wie man genauso erleben kann wie der Absender. Auch wenn sich das praktisch häufig äußerst schwierig gestaltet, trotzdem ist die methodische Überprüfbarkeit entscheidend. Denn nur sie sichert die Nachvollziehbarkeit der mitgeteilten Informationen und schließt es aus, dass es sich nur um das eigenwillige Erleben einer einzelnen Person handelt.

2.2 Das Bezugsproblem personenverändernder Systeme – Alter erlebt -> Ego handelt

Auf die Veränderung, genauer die Veränderung von Personen, haben sich so verschiedene Systeme wie Krankenbehandlung, soziale Hilfe oder Psychotherapie spezialisiert. Das Problem bei der Personenveränderung besteht darin, dass der Absender sein Erleben mitteilt und der Adressat aufgrund dieses Erlebens handelt. Das Erleben, um das es in diesem Falle geht, ist das Selbsterleben des Absenders als hilfsbedürftig. Bei körperlichen Verletzungen ist die Hilfsbedürftigkeit aufgrund der Sichtbarkeit der Verletzungen noch relativ leicht nachzuvollziehen. Schwieriger wird es schon bei Beschwerden, die keine sichtbaren Symptome zeigen. Ebenso schwierig gestaltet sich dann auch die Auswahl geeigneter Behandlungsmethoden. Dieses Problem macht sich nirgends so stark bemerkbar, wie in der Psychotherapie. Allgemein lässt sich sagen, bei allen Systemen der Personenveränderung treten Probleme auf sobald Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung als hilfsbedürftig nicht übereinstimmen. Und damit man bei der Feststellung der Hilfsbedürftigkeit nicht nur auf das subjektive Erleben der Betroffenen angewiesen ist, benötigt man Wissenschaft – und bei der Entwicklung geeigneter Behandlungsmethoden erst recht.

3.1 Warum es kein Funktionssystem zur Gesellschaftsveränderung geben kann

Ein vergleichbares Funktionssystem zur Veränderung der Gesellschaft gibt es dagegen nicht. Versteht man, wie die Systemtheorie, unter Gesellschaft die Gesamtheit der stattfindenden Kommunikation, reden wir heute nicht von Deutschland oder Europa, sondern von der weltumspannenden Kommunikation. Und es stellt sich die Frage: wie soll die eigentlich geändert werden? Milliarden von tagtäglichen Kommunikationsereignissen können nicht einfach geändert werden. Das ist schlicht unmöglich. Hinzu kommt weiterhin, dass keine Gesellschaftsveränderung von statten gehen würde, ohne die betroffenen Menschen mit zu verändern. Denn ohne Menschen ist Kommunikation nicht möglich. Wenn aber eine direkte Gesellschaftsveränderung nicht möglich ist, dann ist der Weg für Gesellschaftsveränderungen bereits vorgezeichnet. Er läuft nur über die Veränderung von Personen.

3.2 Die Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und helfenden Systemen

Damit heute keine Maßnahmen zur Personenveränderung voreilig umgesetzt werden, hat sich inzwischen eine Arbeitsteilung zwischen der Wissenschaft und den helfenden Systemen entwickelt. Diese gestaltet sich wie folgt. Helfende Kommunikation benötigt bestimmte Soll-Werte, auf die sie hinarbeitet, um eine Person als verändert, d. h. als nicht mehr hilfsbedürftig, betrachten zu können. In diesem Sinne beruht jede Personenveränderung auf einer normativen Grundlage. Doch um zu wissen was realistische Soll-Werte sind, nach denen man sich richten kann, muss man wissen, was möglich ist. Hier kommt die Wissenschaft ins Spiel. Durch wissenschaftliche Arbeit lässt sich feststellen, was ist und was auf dieser Grundlage noch als erreichbares Ziel definiert werden kann. Wissenschaft begrenzt also durch ihre Arbeit den Operationsspielraum helfender Kommunikation. Sie greift damit aber nicht selbst in die Operationen helfender Systeme ein. Für die Beurteilung des Veränderungsanspruchs der Soziologie ist dies entscheidend. Gesellschaftsveränderung, wie sich das viele Soziologen vorstellen, ist praktisch unmöglich. Das soll allerdings nicht heißen, dass die Soziologie nicht in der Lage wäre soziale Veränderungen anzuregen.

3.3 Wie verändert die Soziologie die Gesellschaft

Unmöglich ist lediglich eine direkte Gesellschaftsveränderung. Indirekt kann ihr das durchaus gelingen. Durch soziologische Forschung sollte eigentlich das Wissen über die Funktionsweise der Gesellschaft zur Verfügung gestellt werden, mit dem es dann, u. a. den helfenden Systemen, möglich ist ihre Arbeit zu allseitiger Zufriedenheit zu erledigen. Dazu muss die Soziologie aber auch genauso aufnahmebereit sein, wenn Kritik an dem zur Verfügung gestellten Wissen geäußert wird. Soll es wirklich darum gehen anderen Menschen zu helfen, dann kann es in der Soziologie nicht mehr darum gehen irgendwelche unerreichbaren Utopien zu erfinden. Unrealistische Erwartungen führen zu inadäquaten Lösungen, die am Ende mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen. Gerade das scheint einer der wichtigsten Gründe zu sein, warum die Soziologie heute ein Imageproblem hat. Sie stellt häufig kein Wissen mehr zu Verfügung mit dem es noch möglich wäre anderen Menschen zu helfen. Das kann sich nur ändern, wenn sie ihren wissenschaftlichen Anspruch wieder ernstnimmt. Handwerklich gute Analysen machen eine effektive Hilfe möglich. Der Soziologie muss es also gelingen methodisch geprüftes Wissen zur Verfügung zu stellen, aus dem sich auch Operationsmöglichkeiten für helfende Kommunikation ableiten lassen.

Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Anspruch, die Gesellschaft verändern zu wollen, aufgegeben wird. Im Kontext der Theorie funktionaler Differenzierung wird deutlich, dass es sich dabei nicht nur um eine praktische Unmöglichkeit handelt, sondern auch um eine gravierende Fehlinterpretation der eigenen gesellschaftlichen Rolle. Die Krise des soziologischen Diskurses lässt sich im Wesentlichen aus dieser Rollenvermischung erklären. Die Soziologie ringt gegenwärtig nur noch um den Beziehungsaspekt bzw. ihre eigene Identität, ohne dass es ihr darüber hinaus noch möglich wäre irgendetwas in der Sache beizutragen. Der Grund dafür liegt darin, dass heute in der Soziologie überwiegend Theorien verbreitet sind, die keine Sprache zur Verfügung stellen, mit der sich die Beziehung der Soziologie zu ihrer Umwelt beschreiben ließe. Außerdem ist die funktionale Differenzierung an der sozialen Umwelt der Soziologie nicht spurlos vorbei gegangen. Das soll heißen, von der Soziologie als Wissenschaftsdisziplin wird heute überhaupt nicht erwartet, dass sie die Gesellschaft verändert. Der helfende Anspruch kann im Kontext dieser Erwartungshaltung nur als falsches Image wahrgenommen werden, denn er widerspricht dem wissenschaftlichen Anspruch.

3.4 double bind & die Spirale wechselseitiger Nicht-Beachtung

Entsprechend wenden sich dann immer weitere Teile des Publikums von der Soziologie ab. Den daraus entstehenden Prozess habe ich in meinem Vorabtext für den Blog des Soziologiemagazins als Spirale wechselseitiger Nicht-Beachtung beschrieben. Aufgrund der Zeit kann ich auch darauf nicht weiter eingehen. Kurz gesagt, es kommt zu einer langsamen Exklusion der Soziologie. Es muss aber betont werden, dass das Interaktionsmuster des double binds nur zwischen den Teilen der Soziologie und den Teilen des Publikums besteht, die noch an diesen Doppelanspruch der Soziologie glauben. Die sinkende Anschlussfähigkeit ist eigentlich nur ein Nebeneffekt dieses double binds.

4. Fazit

Ich hoffe, ich konnte etwas plausibel machen, dass die Soziologie sich in einem double bind verfangen hat und nun langsam an den widersprüchlichen Erwartungen, die sie selbst verbreitet hat, zugrunde geht. Der innere Widerspruch der Soziologie besteht in dem Doppelanspruch von Gesellschaftsanalyse und -veränderung. Dieser Widerspruch kann auch nicht aufgelöst werden. Vielmehr ist eine klare Abgrenzung als Wissenschaftsdisziplin notwendig, welche nur durch eine ständige Reflexion des Verhältnisses zur Umwelt erreicht werden kann. Gelingt ihr das, wird es ihr auch gelingen soziale Veränderungen anzuregen. Denn für das Anstoßen sozialer Veränderung muss die Soziologie nur das tun, was ihre gesellschaftliche Funktion ist, nämlich Wissenschaft betreiben und die Forschungsergebnisse verbreiten. Man sollte sich allerdings auch darüber im Klaren sein, dass man über die Anwendung des zur Verfügung gestellten Wissens keine Kontrolle hat.


[1] Vgl. Bateson, Gregory (1981 [1972]): Vorstudien zu einer Theorie der Schizophrenie. In ders. (Hrsg): Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. S. 270 – 301 
[2] Vgl. Goffman, Erving (1986 [1967]): Techniken der Imagepflege. In ders. (Hrsg.): Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. S. 10 – 53 
[3] Die Zeitvorgabe war 10 - 15 Minuten. Ausführlichere Erläuterungen zu allen Bezugsproblemen finden sich in meinem Aufsatz „Die Beobachtung der Beobachtung 3.1  – Funktionale Differenzierung“.

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