Montag, 9. März 2015

Die Dummheit der Soziologen


„Wenn man etwas nicht definieren kann, hat man keine formale, rationale Kenntnis von seiner Existenz. Ebensowenig kann man dann einem anderen wirklich mitteilen, was es ist. Es besteht tatsächlich kein formaler Unterschied zwischen der Unfähigkeit zu definieren und Dummheit.“
Robert M. Pirsig

Dieses Zitat aus Pirsigs sehr empfehlenswertem Buch »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« (2013 [1974], S. 217f.) bringt für mich am besten zum Ausdruck, was Ludwig Wittgenstein vermutlich mit seinem berühmten Schlussparagraphen im »Tractatus logico-philosophicus« (2003 [1922]) sagen wollte. Dieser lautet:

„§ 7 Wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen.“

Worüber man nicht reden kann, existiert nur in der eigenen Wahrnehmung oder der eigenen Vorstellung. Das Wahrgenommene bleibt ohne Sprache inkommunikabel. Die große Errungenschaft der Sprache besteht darin, dass man nicht nur seine eigene Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt lenken kann, sondern auch die der Kommunikationspartner. Ohne Sprache kann man im Umkehrschluss seine Kommunikationspartner auch nicht auf einen bestimmten Sachverhalt aufmerksam machen, den man selber wahrzunehmen glaubt. Sozial existiert dieser Sachverhalt damit nicht, weil es nichts Mitteilbares gibt, woran der Kommunikationspartner anschließen könnte. Zugleich wird man nie erfahren, ob es sich bei dem Wahrgenommenen nicht vielleicht nur um eine Einbildung handelt oder ob es andere auch beobachten.


Über die Unfähigkeit zu definieren

Bis ich die obigen Zeilen in Pirsigs Buch gelesen habe, hatte ich immer nur eine Ahnung, wagte aber nicht soweit zu gehen, die besagte Unfähigkeit als Dummheit zu bezeichnen. Sicherlich kann man lange über diese Bezeichnung streiten, denn sie ist nicht sehr schmeichelhaft für die Personen, die so beobachtet werden. Trotzdem möchte ich im Folgen von dieser Definition ausgehen. Denn diese Definition von Dummheit passt in meine theoretische Perspektive. Im Anschluss an den Kognitionswissenschaftler Francisco J. Varela arbeite ich mit seiner Definition von Intelligenz als Fähigkeit in eine mit anderen geteilte Welt einzutreten (vgl. 1990 [1988], S. 111) [1]. Zu der Fähigkeit, in eine mit anderen geteilte Welt einzutreten, gehört die Beherrschung der gemeinsam geteilten Sprache. Wer sich anderen nicht mitteilen kann, kann auch nicht in eine mit anderen geteilte Welt eintreten. Aufgrund der Unfähigkeit an der Kommunikation zu partizipieren, bleibt man außen vor bzw. in seiner eigenen Welt gefangen.

Um anderen eine Vorstellung von dem Sachverhalt geben zu können, auf den man aufmerksam machen möchte, muss man diesen nicht nur bezeichnen können, sondern ihn auch durch eine Nominal- und eine operationale Definition beschreiben können. Für eine hinreichende sprachliche Bestimmung eines Sachverhalts sind alle drei Formen die Aufmerksamkeit auf einen Sachverhalt zu lenken notwendig. Während das einfache Bezeichnen nur unter der Bedingung der Anwesenheit bzw. Wahrnehmbarkeit des Bezeichneten funktioniert, muss man bei der Kommunikation über einen Sachverhalt, der nicht anwesend bzw. wahrnehmbar ist, auch eine Nominaldefinition geben können, um den Sachverhalt in seiner Allgemeinheit bestimmen zu können sowie eine operationale Definition, die den Sachverhalt für andere nachvollziehbar an Beispielen spezifiziert. Wenn es nicht gelingt die allgemeine Definition an Beispielen zu verdeutlichen, bleibt die Nominaldefinition reine Theorie, genauso wie der Sachverhalt, auf den aufmerksam gemacht werden soll. Weder der Begriff noch seine Nominaldefinition verweisen auf etwas anderes als sie selbst. Systemtheoretisch formuliert, fehlt der Umweltbezug bzw. die Fremdreferenz.

Sofern man nicht in der Lage ist auch eine operationale Definition zu geben, dann unterscheiden sich auch die Fähigkeit einen Begriff nominal zu definieren formal nicht von Dummheit. Denn erst durch die Verdeutlichung des Begriffs und seiner nominalen Definition an einem für den Kommunikationspartner nachvollziehbaren Beispiel eröffnet sich für ihn die Möglichkeit in die Welt der mitteilenden Person einzutreten, d. h. zu sehen, was sie sieht und diesen Sachverhalt auch im gemeinsamen Handeln zu berücksichtigen sofern notwendig. Ein Sachverhalt, der im Handeln berücksichtigt werden sollte, aber nicht berücksichtigt werden kann, bleibt dagegen für alle Beteiligten unwirklich

Die Mitteilung seiner eigenen Eindrücke hat jedoch eine gravierende Konsequenz, nämlich die dass man seine durch Sprache geäußerten Vorstellungen für andere Personen kritisierbar macht - was zugleich die Möglichkeit eröffnet diese Vorstellungen durch andere Beschreibungen zu verändern. Möchte man diese Möglichkeit, die eigenen Vorstellungen der Kritik zugänglich zu machen, vermeiden, braucht man nur auf eine operationale Definition verzichten. Dann mutiert das Hinweisen in ein neurotisches Beharren, dass drei verschiedene Formen annehmen kann: 1. Ohne Sprache kann man versuchen durch eine sehr expressive Gestik auf den Sachverhalt aufmerksam zu machen. 2. Man kann versuchen Metaphern zu finden, um das Wahrgenommene doch in eine sprachliche Form zu bringen. 3. Man kann sich paradox ausdrücken. Bei allen drei Formen des Hinweisens bleibt das, worauf hingewiesen werden soll, unwirklich. Und gerade weil das Hingewiesene für andere unwirklich bleibt, rückt die hinweisende Person umso mehr selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit.

Versteht man nicht, wie ein Kommunikationspartner ein Wort verwendet, fragt man üblicherweise nach: »Was verstehst Du unter …?« Durch Verständnisfragen kann man Unklarheiten beseitigen und potentielle Konflikte von vorn herein ausräumen. Das gilt in jeder Situation. Steigen die Anforderungen an die Präzision der Aufmerksamkeitsfokussierung, also das sprachliche Ausdrucksvermögen, macht sich die Unfähigkeit zu definieren aber umso stärker bemerkbar und sorgt zugleich für Spannungen und Konflikte zwischen den Kommunikationspartnern. Ein Bereich, in dem eine unpräzise Sprache ein besonderes Ärgernis darstellt, ist die Wissenschaftskommunikation. Die oben genannten drei Formen neurotischen Hinweisens, mit denen sich die Unfähigkeit zu definieren gut verschleiern lässt, stellen daher in der Wissenschaftskommunikation ein absolutes No-Go dar. Gleichwohl hat die Pseudo-Wissenschaft, die unter dem Label »Postmoderne« firmiert, diese Beobachtungsformen zum neuen Stil der Wissenschaftskommunikation auserkoren. Entsprechend groß sind die Abwehrreaktionen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft dies noch als Wissenschaft zu betrachten. Wer allerdings dachte, die Postmoderne wäre der Gipfel der Dummheit, sieht sich eines besseren belehrt, denn es geht noch einfacher. Seit Neuestem versucht man gar nicht erst die eigene Dummheit zu verschleiern, sondern man gibt sie mehr oder weniger offen zu. Diese Offenheit sieht man allerdings nur, wenn man von der soeben vorgestellten sozialen Funktion der Sprache ausgeht. Das Eingeständnis der eigenen Sprachlosigkeit wird dann zu einem Hinweis auf die Unfähigkeit zu definieren

Bis hier hin wurde Dummheit nur als die Unfähigkeit eine Definition zu geben definiert. Damit wurde also bisher nur die Bezeichnung und die Nominaldefinition für Dummheit vorgestellt. Nun möchte ich noch zwei Beispiele anhand von Zitaten zur operationalen Definition für diese Dummheit geben. Sie stammen beide von relativ bekannten Soziologen.


tabula rasa durch Unbegreiflichkeit

„Ich habe ihnen die vier Modelle vorgestellt, um zu verdeutlichen, dass die Ausgangsfrage, ob im Web eine neue Form von Sozialität entstanden ist, sich vermutlich solange nicht beantworten lässt, solange die dort vorgefundene Sozialität umgehend mit Rückgriff auf Formen der Sozialität außerhalb des Web erläutert wird. Schon gar nicht wird dies gelingen, wenn etablierte Ordnungs- und Klassifikationsschemata für die Kommunikationen im Web nur schlicht erweitert werden.“

Dieses Zitat stammt aus einem SozBlog-Beitrag von Eva Barlösius. Thema war das Internet als Herausforderung für soziologische Forschung. Interessant an diesem Zitat ist, wie der Forschungsgegenstand Internet beschrieben wird: Im Internet ist eine neue Form von Sozialität entstanden, die sich nicht mit vorangegangenen Formen von Sozialität vergleichen lässt. Deswegen bringt es auch nichts mit den bekannten Mitteln und Methoden das Internet zu beobachten. Mit anderen Worten, das Internet ist so neu, dass wir weder wissen können, was im Internet passiert, noch steht uns eine Sprache zur Verfügung mit der wir beschreiben könnten, was im Internet passiert. Nochmals anders ausgedrückt, das Internet ist so neu, dass jeder Vergleich fehlt, um es beschreiben zu können.

Obwohl Barlösius nicht von Sprachlosigkeit spricht, kann man ihren Beitrag nur so verstehen, denn ihre Fragen zum Internet können aktuell nicht beantwortet werden. Zumindest Frau Barlösius kann sie sich nicht beantworten. Voraussetzung für diese Unfähigkeit ist die verwegene These, der Soziologie würden gegenwärtig die Mittel fehlen, um zu beschreiben und zu analysieren, was im Internet passiert. Es werden also zunächst alle bisherigen Klassifikationsschemata verworfen, um dann zwar einen erheblichen Forschungsbedarf behaupten zu können. Es fragt sich allerdings, welche Alternativen zur Verfügung stehen, um diesen Forschungsbedarf befriedigen zu können? Und die Pointe ist, es gibt keine. Also müsste man im Prinzip wieder bei Null anfangen, was allerdings nicht ernsthaft der Vorschlag sein kann.

Diese Argumentationsstrategie ist bei Soziologen sehr beliebt, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen. Der Forschungsgegenstand wird rhetorisch durch die Beschreibung als neu und unvergleichlich zu einem großen unbegreiflichen Mysterium aufgeblasen. Aufgrund dieser überwältigenden Unbegreiflichkeit kann man dann auch sehr leicht alle bekannten Theorien und Forschungsmethoden als unzureichend verwerfen - gleichsam soziologiegeschichtlich tabula rasa machen. Die Frage ist, was bleibt dann eigentlich für einen Wissenschaftler noch zu tun, wenn er keinerlei Möglichkeiten hat seinen Forschungsgegenstand zu untersuchen? Ich bezeichne Barlösius‘ Argumentationsfigur deswegen als »tabula rasa durch Unbegreiflichkeit«. Die Unvergleichbarkeit und damit auch die Unbegreiflichkeit des Forschungsgegenstands rechtfertigt es alle bis dahin entwickelten Theorien und Methoden als unzureichend und nicht zielführend zu verwerfen. Wenn man sich jedoch kognitiv so entwaffnet, bleibt natürlich nichts weiter als Sprachlosigkeit.

Gerade für einen Wissenschaftler ist das eine völlig inakzeptabler Zustand, denn sie macht eine wissenschaftliche Herangehensweise unmöglich. Entsprechend zelebrierte Frau Barlösius in ihren nachfolgenden Beiträgen für den SozBlog nur noch ihre Ahnungslosigkeit bezüglich des Internets, um in ihrem letzten Beitrag mit der Pointe zu schließen, dass sie sich nun an einen Ort ohne Internet zurückziehen will, um weiter über die in ihren Beiträgen aufgeworfenen Probleme nachzudenken. Ich wünsche viel Spaß dabei, habe aber so meine Zweifel, ob diese Bemühungen zu Erkenntnissen führen, die über das, was in den Beiträgen präsentiert wurde, hinausgehen. Die zugrunde liegende Annahme, es würden keine geeigneten Forschungsmittel zur Verfügung stehen, macht jegliche Forschung unmöglich. Nachdenken hilft da auch nicht mehr viel. Die Unfähigkeit eine operationale Definition zu liefern, führt irgendwann zu der Illusion empiriefreier Theoriebildung. Die daraus resultierende Sprachlosigkeit wird dann nur sehr wortreich mit Banalitäten, Trivialitäten und gespielter Wissbegierigkeit kaschiert. Wie man sich allerdings dem Internet wissenschaftlich annähren will, wenn die Bereitschaft damit Erfahrungen zu sammeln nicht sehr stark ausgeprägt ist, bleibt für mich rätselhaft. Die Pointe ihres letzten Beitrags war wohl selbstironisch gemeint. Im Anbetracht der in den vorangegangenen Beiträge zur Schau gestellten Ahnungslosigkeit für den selbst gewählten Forschungsgegenstand war dieser Schluss einfach nur noch peinlich. 

Ich bezeichne die Haltung, die Frau Barlösius in ihren Beiträgen offenbart hat, als nicht-partizipierendes Bewusstsein. Sprachlosigkeit ist dabei nichts anders als ein Hinweis auf die Unfähigkeit an wissenschaftlicher Kommunikation teilzunehmen. In diesem Fall lässt die Attribution des Internets als »neu« keine operationale Definition zu. So kann wunderbar fortlaufend ein Forschungsbedarf festgestellt werden. Wenn man seinen Forschungsgegenstand aber nur negativ, also dadurch, was es nicht ist, bestimmen kann, bleibt das darauf gerichtete Handeln unwirklich. Diese Unfähigkeit zur Teilnahme ist allerdings das Ergebnis des Unwillens sich an den etablierten Diskursen zu beteiligen, weil man in diesen wahrscheinlich schon längst nicht mehr mithalten kann und somit wahrscheinlich ziemlich viel Angriffsfläche für Kritik bietet. Was sich jedoch auch nicht ändert, wenn man sich weiter der Teilnahme enthält. Das gilt sowohl für die Nutzung des Internets als auch die Beteiligung an den Diskussionen über das Internet. Um die eigenen Schwächen zu verbergen, versucht man es indem man die radikalst mögliche Position einnimmt und behauptet, wir können das Internet gar nicht verstehen, weil uns die Mittel fehlen würden. Was eine Teilnahme so gut wie unmöglich macht, weil man keine Vorstellung vom Internet hat, die das wissenschaftliche Handeln orientieren könnte. 

Mit diesem Manöver nimmt man aber nur die Rolle des am Wenigsten informierten Teilnehmers ein – die denkbar schwächste Position, die sich nur durch Mystifizierung des Gegenstands überhaupt noch interessant machen kann. Das kommt allerdings nur bei denen an, denen es genauso geht. Anstatt aufzuklären, wird einfach nur die Perspektive der Unaufgeklärtesten reproduziert. Frau Barlösius ist nicht die Einzige, die auf die Argumentationsstrategie »tabula rasa durch Unbegreiflichkeit« zurückgreift. Speziell bei der Außenkommunikation wird sie von Soziologen gern genutzt, um ihr nicht-soziologisch informiertes Publikum zu beeindrucken. Dummerweise erreicht man damit allenfalls die Dümmsten der Dummen. Bei diesen Aussichten muss man sich die Frage stellen, ob die das richtige Zielpublikum für Wissenschaftler sein können? Während Frau Barlösius noch versucht ihre eigene Unfähigkeit zu definieren wortreich zu verschleiern, gibt es auch andere Soziologen, die sich nicht mal mehr diese Mühe machen.


tabula rasa durch Überwältigung

„Es ist keine Schande zu bekennen, dass auch uns Sozialwissenschaftlern die Sprache versagt, angesichts der Wirklichkeit, die uns überrollt. Die Sprache der soziologischen Theorien (aber auch der empirischen Forschung) erlaubt uns, uns dem Immergleichen des sozialen Wandels oder der Ausnahme der Krise zuzuwenden, aber sie erlaubt uns nicht, die gesellschaftshistorische Verwandlung der Welt am Beginn des 21. Jahrhunderts auch nur zu beschreiben, geschweige denn sie zu verstehen.“

Dieses Zitat stammt aus der Laudation für Zygmut Baumann anlässlich der Ehrung für sein Lebenswerk, die der inzwischen verstorbene Ulrich Beck beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Oktober 2014 gehalten hat. Ich weiß nicht, ob Beck damals für alle Soziologen gesprochen hat, ich teile seine Diagnose, dass die Sprache der soziologischen Theorien es nicht erlaubt, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu beschreiben und zu verstehen, nicht. Beck zeigte damit lediglich seine Abneigung für andere Theorieansätze. Wenn er das im Hinblick auf seinen eigenen Ansatz formuliert hat, dann mag seine Diagnose möglicherweise zutreffen. Ich habe mich nie tiefergehend mit Beck auseinander gesetzt. Mir ist er bereits während meines Studiums durch den Aufsatz „Jenseits von Stand und Klasse“ (1994) aufgefallen, in dem er letztlich nur beklagte, dass die Gesellschaft sich nicht mehr in den traditionellen Kategorien von Stand und Klassen beschreiben lässt. Das ist ungefähr so als würde ein Chemiker der Phlogiston-Theorie hinterherweinen. Ich hab den Text lediglich als Ausdruck einer narzisstische Kränkung verstanden, denn Beck ärgerte sich nur darüber, dass die Gesellschaft nicht in die lieb gewonnenen schlichten Kategorien passte, die er gewohnt war. Mit dieser kleingeistigen Haltung hatte sich Beck für mich bereits nach diesem Text erledigt.

Letztlich geht auch das obige Zitat nicht über diesen Erkenntnisstand hinaus. Beachtenswert ist der kleine aber feine Unterschied zu Frau Barlösius. Barlösius beschreibt ihren Forschungsgegenstand als neu und unbegreiflich. Beck dagegen begründet seine Sprachlosigkeit mit der angeblich überwältigenden Grausamkeit der modernen Gesellschaft. Dieser Eindruck stammt aus einer sehr einseitigen Fixierung auf die Schattenseiten der modernen Gesellschaft, die vermutlich der Lektüre von Baumanns Texten geschuldet ist. Laut Becks Laudatio hielt Baumann die Gräueltaten, die im Namen des Faschismus und Kommunismus begangen wurde, für eine zwangsläufige Konsequenz der Moderne. Beck und Baumann teilten deswegen eine tiefe Abscheu gegen die Modernisierungsprozesse der Gesellschaft. Diese Abscheu gründet jedoch auf einem sehr einseitigen Verständnis von Modernisierungsprozessen und einer geradezu deterministischen Vorstellung von der Entwicklung der Gesellschaft. Vermutlich gehen Baumann, Beck und viele andere Soziologen im Anschluss an die Kritische Theorie davon aus, dass der industrielle Massenmord an den Juden durch den Nationalsozialismus auf die fortschreitende Rationalisierung und Technisierung in der Moderne zurückzuführen ist. Dies ist eine einseitig materialistisch verzerrte Betrachtungsweise, da sie völlig unbeachtet lässt, dass sowohl der Faschismus als auch der Kommunismus nur Abwehrreaktionen gegen die Moderne waren und nicht deren konsequentester Ausdruck. Beide Ideologien waren in ihren gesellschaftsfeindlichen Gemeinschaftsentwürfen zutiefst vormodern. Die Konzentrationslager und die Gulags waren lediglich das, was rauskommt, wenn pathologischen Egozentrikern, die ihr eigenes unbeirrbares Erleben über alles stellen, die Möglichkeiten der modernen Technologie zur Verfügung stehen.

Mithin ist auch Becks Sprachlosigkeit nur das Ergebnis einer egozentrischen Perspektive, die sich nicht für die gesellschaftlichen Entwicklungen interessierte und nur den alten, nicht mehr brauchbaren Begriffen und Kategorien hinterherweinte. Und plötzlich schreckt man hoch und stellt fest, dass man die Welt nicht mehr versteht. Sie ist unwirklich geworden. Dann kann man nur noch versuchen andere mit dieser Sprachlosigkeit anzustecken. Dies gelingt sehr gut durch die Sthenographie Baumann‘scher und Beck‘scher Prägung. Sthenographie bezeichnet eine ausschließlich problemorientierte Betrachtungsweise. Man lässt sich dann durch die Art und Weise, wie das Problem konstruiert wird, emotional so stark überwältigen, dass die Kognition weitestgehend neutralisiert wird. Dies gelingt, indem man das Problem als mehr oder weniger unlösbar oder mögliche negative Konsequenzen als zwangsläufig darstellt. Es ist eine gute Variante von den möglichen oder bereits verfügbaren Lösungen abzulenken. Der Blick in den Abgrund lässt einen genauso erstarren, wie der Anblick der Gorgone. Auch dies ist eine Möglichkeit sich intellektuell zu entwaffnen. Becks Argumentationsstrategie bezeichne ich daher als »tabula rasa durch Überwältigung«.

Mit dieser Strategie werden die entwickelten Theorien und Methoden abgelehnt, weil sie einen Aspekt nicht erfassen können, der wissenschaftlich nicht zu erfassen ist, nämlich welchen Eindruck bestimmte Ereignisse auf Personen machen. Das ist auch der Grund, warum Emotionen bei der wissenschaftlichen Arbeit keine Rolle spielen dürfen. Die Emotion blockiert die Kognition. Wissenschaft ist aber keine Traumatherapie. Seine Traumata verarbeitet man nicht dadurch, dass man seine Ängste in einem pseudo-wissenschaftlichen Gewand unters Volk bringt, kombiniert mit einen gleichsam magischen Blick auf gesellschaftliche Evolutionsprozesse. Mich hätte ja brennend interessiert, woran Beck den Unterschied zwischen »sozialem Wandel« und »gesellschaftshistorischer Verwandlung« festmacht. Mit Begriffen, wie Wandel, Entwicklung oder Evolution kann ich etwas anfangen, aber Verwandlung? Das klingt schon sehr unwirklich.

Mit Wissenschaft hat auch das nichts mehr zu tun. Es handelt sich wohl eher um eine selbstverordnete Gehirnwäsche, die dann den vorhandenen Wissensstand auf das intellektuell niedrigste Niveau des potentiellen Publikums regrediert. Beck hat Unrecht, wenn er meint, dass es keine Schande ist, sich zu seiner eigenen Sprachlosigkeit zu bekennen. Mithin ist das obige Zitat in wissenschaftlicher Hinsicht ein Armutszeugnis, eine völlige Bankrotterklärung und eine Schande, denn es ist das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit. Es ist die öffentliche Selbstdesavouierung eines Wissenschaftlers als Wissenschaftler. Ein wichtiger Teil der wissenschaftlichen Arbeit ist die nominale und operationale Definition der Forschungsgegenstände. Nach Becks Statement hätte sich die Deutsche Gesellschaft für Soziologie auch gleich auflösen können. Es ist äußerst fraglich, was man nach so einer Selbstbeschreibung von einem Soziologen noch erwarten kann. Denn…

„Wovon man nicht reden kann, davon muss man schweigen.“

Diese beiden Beispiele für mitgeteilte Sprachlosigkeit, die als Hinweise für die Unfähigkeit zu definieren gelesen werden können, erhebt nicht den Anspruch eine abschließende Aufzählung zu sein. Vielmehr sollte auf ein bestimmtes Kommunikationsmuster aufmerksam gemacht werden, dass sich in diesen und anderen Varianten in vielen soziologischen Texten finden lässt. Tabula rasa durch Unbegreiflichkeit und durch Überwältigung sind wahrscheinlich allenfalls die augenfälligsten Varianten. Es geht immer darum den Erkenntnisgegenstand semantisch so extrem zu überhöhen – sei es als unbegreiflich, sei es als emotional überwältigend oder anders -, dass es gerechtfertigt erscheint alle bisherigen Erkenntnismittel zu verwerfen - alles zurück auf Anfang. Wer sich jedoch aller Beobachtungsschemata entledigt, die sein Erleben strukturieren, hat dann erwartungsgemäß auch keine Orientierungspunkte mehr für sein Handeln. Jeder Schuljunge weiß, von Nichts kommt nichts (vgl. Bateson 1982 [1979], S. 61). Sprechen ist eine Form von Handeln. Übrig bleibt dann nur noch Sprachlosigkeit, die dann ein vortreffliches Sprungbrett für Mystizismus, Obskurantismus und Esoterik bildet. Dies ist ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion über den aktuellen öffentlichen Relevanzverlust der Soziologie berücksichtigt werden muss. Denn mit solchen Argumenationsfiguren handelt man sich als Wissenschaftler ein gravierendes Imageproblem ein.

À propos Image. Die Dummheit der Soziologen wird schnell mit Dogmatismus verwechselt. Häufig geht Dummheit und Dogmatismus tatsächlich Hand in Hand. Ich denke jedoch, dass Dummheit dem Dogmatismus vorausgeht. Dogmatik ist nur eine Lösung seine schwache Position gegen Kritik zu immunisieren. Auffällig in der Diskussion über soziologische Theorien ist, dass vor allem Geschmacksfragen im Mittelpunkt stehen, weil einem Kritiker bestimmte Begriffe oder Theoriefiguren nicht gefallen. Becks Rede ist ein gutes Beispiel dafür. Wer sich jedoch von den Mitteln, mit denen auf etwas hingewiesen wird, ablenken lässt, ohne zu berücksichtigen, worauf hingewiesen wird, der versperrt sich möglicherweise wichtige Erkenntnismöglichkeiten. Haben sich die persönlichen Befindlichkeiten gegen bestimmte Betrachtungsweisen erstmal generalisiert, kann man irgendwann alle Theorien mühelos als unbrauchbar ablehnen. Dann bleibt nur stures Behaaren auf dem eigenen Eindruck, ohne ihn in Worte fassen zu können. Denn Beispiele, wie es anders gehen kann, werden zumeist nicht gegeben und wenn doch, kann man sie nicht Ernst nehmen, eben weil das entscheidende Kriterium nicht intersubjektive Nachvollziehbarkeit, sondern persönliche Befindlichkeiten sind. Das kommt davon, wenn man soziologische Texte mit Belletristik verwechselt. Dann werden soziologische Fragestellungen zu Geschmacksfragen. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Mit anderen Worten, die Kriterien für Geschmackspräferenzen kann und muss man nicht nachvollziehbar begründen. Hier eröffnet sich schließlich die Möglichkeit sich seine eigene pseudo-wissenschaftliche oder gar politische Mythologie zusammen zu basteln, die Außenstehende nur als ziemlich willkürlichen Dogmatismus wahrnehmen können. Diese die Soziologie korrumpierende Entwicklung entspringt der Unfähigkeit sein eigenes Erleben in Worte zu fassen. Mithin wird soziologische Forschung dann selbst zu einer ziemlich unwirklichen Veranstaltung.

Mir ging es mit diesem Beitrag darum das Bewusstsein für das Argumentationsmuster in soziologischen Texten an diesen zwei Beispielen zu schärfen. Es gibt mit Sicherheit unzählige weitere. Sie können als Hinweise auf die Unfähigkeit, den Forschungsgegenstand näher zu bestimmen, gelesen werden. Die Wahrscheinlichkeit für die Bildung von Mythologien ist dann relativ hoch, wenn man eigentlich nichts sagen kann, sich aber unter Zugzwang gebracht hat - z. B. in der Rolle als Soziologe -, etwas sagen zu müssen und die Sprache, die dazu notwendig ist, nicht beherrscht oder gar nicht beherrschen will - aus welchen Gründen auch immer.




[1] Das Thema Intelligenz, genauer künstliche Intelligenz, habe ich bereits in den zwei Texten »Künstliche Intelligenz aus soziologischer Sicht« und »Eugene Goostman - systemtheoretisch beobachtet« ausführlicher behandelt.


Literatur
Bateson, Gregory (1982 [1979]): Geist und Natur. Eine notwendige Einheit. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Beck, Ulrich (1994): Jenseits von Stand und Klasse. In: Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, Elizabeth (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. S. 43 - 60
Pirsig, Robert M. (2013 [1974]): Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte. 33. Auflage S. Fischer Verlag Frankfurt am Main
Varela, Francisco J. (1990 [1988]): Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main
Wittgenstein, Ludwig (2003 [1922]): Tractatus logico-philosophicus. Logisch-philosophische Abhandlung. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

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